Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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so machte den gewaltigen Versuch, die jüdische Lehre mit der aristotelischen Weltweisheit in Einklang zu bringen, jedoch derart, daß zugleich die Fundamentalunterschiede zwischen der jüdischen und mohamedanischen Religion herausgehoben wurden. Dies springt auf den ersten Blick in die Augen, wenn wir seine 13 Dogmen betrachten. Die Lehren von der Weltschöpfung, der Einheit, Körperlosigkeit, Einigkeit, Allwissenheit Gottes sind Dogmen, die nicht eben gegen Anschauungen außerhalb des Judenthums stehender Kreise gerichtet sind. Aber die übrigen Lehren, daß nämlich Moses der größte Prophet sei, daß die in unserem Besitze befindliche Tora in ihrer gegenwärügen Gestalt Moses geoffenbart worden, daß Gott diese Thora nicht durch eine andere ersetzen, also nicht abrogiren werde, und daß der Erlöser der Menschheit noch nicht gekommen sei, sind Lehren, deren Spitze sich offenkundig in erster Reihe gegen den Islam, aber auch gegen das Christenthum wendet. Moses ben Maimon, der große Adler der Synagoge, war also ebenfalls aktuell; er schützte die jüdische Lehre gegen die Angriffe seiner Zeit und wehrte von ihr ab die herrschenden krankhaften Strömungen. Dasselbe Streben finden wir aber nicht nur bei Philosophen, wie Philo und Maimonides, sondern auch bei den Autoritäten des Talmuds. Ihre Weltanschauung, die aus der heiligen Schrift und aus dem lebenden Born der Volksseele geschöpft ist, enthält viele Elemente, die zur Abwehr herrschender schädlicher Ansichten dienen. Sie erklärten in der Regel für Grundlehren jene bedeutenderen Lehrsätze, welche in Folge der herrschenden Ideen der Zeit in Gefahr schwebten. Ich will mich jedoch mit der Erörterung dieses Gedankens nicht weiter beschäftigen, da nur der Beweis erbracht werden soll, daß das Judenthum sich zu keiner Zeit von den geistigen Strömungen abgeschlossen, daß es nicht die Augen schloß, um nicht zu sehen, sondern seine ererbten Lehren stets in's Treffen führte zum Heile der Menschheit. Die Stärke der jüdischen Religion besteht im Reichthum ihrer Ideen und in der Mannigfaltigkeit ihrer Ideale, niit