Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 4)
- Language
- German
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89 sich über die Grundlehren des Judenthums in seinem midraschartigen Werke über die Weltschöpfung folgendermaßen: „Vieles lehrt uns Moses durch die eben dargestellte Schöpfungsgeschichte; vorzüglich verdanken wir ihm die fünf schönsten und vortrefflichsten Lehren, nämlich: 1. Gott ist und regiert. Dies lehrt Moses im Gegensatz zu den Atheisten, von denen manche das Dasein Gottes bezweifeln, manche mit frecher Stirne sogar leugnen, indem sie behaupten, daß nur diejenigen davon reden, die mit fabelhaften Dichtungen die Wahrheit verdunkeln. 2. Gott ist Einer. Dies der Gegensatz zu den Polytheisten, die sich nicht entblöden, die schlechteste Regierungssorm, die Ochlokratie nämlich, von der Erde in den Himmel zu verlegen. 3. Die Welt ist erschaffen. Dies der Gegensatz zu der Meinung derer, welche die Schöpfung nicht Gott zuschreiben, sondern die Welt als ungeschaffen und von Ewigkeit her bestehend ansehen. 4. Die geschaffene Welt ist nur eine, wie der Schöpfer Einer ist u. s. w. 5. Gottes Vorsehung waltet über die Welt. Denn der Urheber sorgt nach einem allgemeinen, nothwendigen Naturgesetz stets für sein Werk, wie die Eltern für ihre Kinder sorgen (Vergl. Löw, Gesammelte Schriften I, 50). Der griechisch-jüdische Weltweise schöpft seine Lehren aus der heiligen Schrift; er wußte wohl, daß die jüdische Religion auch andere Lehren, namentlich ethische Prinzipien verkünde, die er selbst in seinen theologischen Werken schön entwickelt; er formulirt jedoch nur die angeführten fünf Grundlehren, um der herrschenden gefährlichen Weltanschauung des Heidenthums entgegenzutreten; mit einem Worte: Philo war aktuell. Von demselben'Gesichtspunkte aus sind die 13 Glaubenslehren des Maimonides zu beurtheilen. Die arabische Kultur war im XII. Jahrhundert, als die europäischen Völker tiefe Nacht bedeckte, eine hellstrahlende Sonne. Die großen Schöpfungen des griechischen Geistes befruchteten die Gedankenwelt der hochstrebenden Araber, ihr Leitstern war Aristoteles. Maimonides war auch ein Anhänger dieses Philosophen, dessen System die Geister beherrschte und