Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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88 ändert worden ist. Die Wiedergeburt ist allzu rasch vor sich gegangen; über das Judenthum ist eine wahre Revolution dahingebraust, wohl ohne Säbelgeklirr und Gewehrfeuer, aber nicht ohne schwere sociale und religiöse Erschütterung. Und diese Erschütterung hat noch lange nicht ihr Ende erreicht, denn der Verjüngungsprozeß spielt sich noch zum Theil vor unseren Augen ab mit all' seinen Glanz- und Schattenseiten. Wie die europäische Renaissance war auch die jüdische der Religiosität nicht günstig. Die gierig. eingesogene neue Kultur hat der religiösen Lebensweise tiefe Wunden beigebracht, aber nicht den Ideen unserer Religion; schwächer geworden ist unsere Religiosität, aber nicht unsere Religion. Wir dürfen daher nicht verzagen, sondern in der Vergangenheit forschend Fingerzeige suchen für die Zukunft. . Die Kultur und ihre Begleiterscheinungen sind in der Geschichte des ältesten lebenden Volkes nicht neu. Das jüdische Volk hat in seinem langen Dasein zwei Weltkulturen in sich ausgenommen: im Alterthum die hellenistische, im Mittelalter die arabische. Beide haben Israel bestürmt, aber unsere großen Denker haben den Jdeenschatz unserer Religion an's Licht gestellt, der seine Anziehungskraft nie verliert. Es sind namentlich zwei große Religionsphilosophen, die das jüdische Religionssystem von den höchsten Gesichtspunkten, die die Bildung ihrer Zeit ihnen an die Hand gab, entwickelten: Philo und Maimonides. Es wäre schwer, von ihren Lehren in einem kurzen Aufsatz ein Bild zu entwerfen; zum Glück hoben sie selbst jene Ideen hervor, die sie als die Grundlehren der jüdischen Religion betrachten und welche wenigstens in Betreff Maimuni's allbekannt sind, da seine 13 Glaubenslehren nicht nur in unsere Lehrbücher, sondern auch die Liturgie Eingang gefunden haben. Philo, dessen Philosophie auf die christliche Religion von unermeßlichem Einfluß gewesen, dessen Wirkung bis auf den heutigen Tag andauert, lebte am Anfänge unserer Zeitrechnung in Alexandria. Der ideenreiche Denker und fruchtbare Schriftsteller, der in vielen Beziehungen an Plato erinnert, äußert