Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Religion
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111908--1034-3112010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
87 damit wir die Ursachen erkennen, welche die trostlose Gegenwart heraufbeschworen; wir müssen jene Kräfte erforschen, welche das Leben des Judenthums in der Gegenwart beherrschen, um die Ideen ausfindig zu machen, deren Triebkraft in der Seele der Gebildeten noch intact fortlebt. Der Niedergang der Religiosität nimmt, wie bekannt, mit dem Vordringen der modernen Bildung seinen Anfang. Die Veränderung, welche im letzten Jahrhundert im Schoße des westeuropäischen Judenthums vor sich gegangen, findet kaum ihres Gleichen in der Völkergeschichte. Vor hundert Jahren war bei den Juden die Kunst, eine Briefadresse zu schreiben das Geheimniß weniger Auserwählten: heute sind unsere Glaubensgenossen an den Mittel- und Hochschulen verhältnismäßig in sechsfacher Zahl vertreten. Vor hundert Jahren wurden die Juden durch strenge Regierungsmaßregeln gezwungen, sich an die europäische Kultur anzuschmiegen: heute werden sie in Rumänien und Rußland mit noch strengeren Regierungsmaßregeln aus den höheren Unterrichtsanstalten hinausgedrängt. Vor hundert Jahren, als das Volk seine Kinder mit Teufeln und Juden schreckte, war Moses Mendelssohn ein wahres Weltwunder; heute arbeiten Juden in nicht geringer Zahl auf allen Feldern der Litteratur, Poesie und Wissenschaft, und nicht selten mit Erfolg. Vor hundert Jahren glaubte man allgemein, die Juden, denen ihre Religion die Bilderanbetung verbietet, besäßen für die Kunst weder Sinn noch Begabung: heute glänzen am Himmel der Malerei, Bildhauerkunst, Musik neben den großen Sternen auch Namen von Juden und an jüdischen Schauspielern ist wahrlich kein Mangel. Vor hundert Jahren bestand der größere Theil unserer Confession aus wandernden Kaufleuten: heute sind die Juden bedeutende Factoren des Handels, der Industrie und des Ackerbaues. Die Parias haben den Völkern, soweit sie es gestatteten, auch Regierungskünstler gegeben. Es ist nicht meine Absicht, unserer Eitelkeit zu schmeicheln, es soll mit diesen paar Strichen nur gezeigt werden, daß das äußere Bild des jüdischen Lebens fast bis zur Unkenntlichkeit ver-