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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 67

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
Date
1901-01-01
Page
Seite 67 (sequence 22)
Language
German
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67 gleiche Pflichten und gleiche Rechte. In den Ländern, wo das noch nicht der Fall ist, da muß dafür gearbeitet werden, daß ein solcher Zustand erreicht werde. In allen Staaten aber, wo nicht die Willkür, sondern das Recht herrscht, unter allen Culturvölkern, sind wir vor dem Gesetze als Gleiche unter Gleichen anerkannt. Was also bleibt zu thun? Nichts anderes und nicht mehr, als der Prophet vor Jahrtausenden ausgesprochen — eine Forderung, die er nicht bloß an Israel, sondern an den Menschen richtet: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: strenge Rechtlichkeit, wohlthätige Liebe und Bescheidenheit und Demuth." Dies, was von jedem Menschen gefordert wird, sollen auch wir thun, und das ist alles. Keine Sittenlehre kann das Gesetz aussprechen: du sollst ein Genie sein; du sollst in der Kunst ganz Ursprüngliches schaffen, du sollst ein großer Forscher, ein tiefer Denker, ein organisircnder Staatsmann sein —■ das kann Niemand fordern. Es gab eine Zeit (sie ist nun vorüber, seit länger als einem Menschenalter vorüber), wo der Jude, wenn er zu höherer Bildung gelangt war, sich seiner Abstammung schämte, diese in Wort und That verleugnete so stark er konnte, sich von seinem Stamme völlig ablöste. Man. war so feigherzig, nicht seine eigene Meinung von sich und seinen Stammesgenossen zu haben, sondern nach der Meinung der Welt, nach herrschenden Philosophemcn, nach den Vorurtheilen der Völker zu denken und zu fühlen. Was die Christen, was die Heiden von den Juden sagten, aus alles horchte man; die eigene Stimme ließ man ungehört, unbefragt. Dank den Männern, welche die Erforschung der jüdischen Geschichte zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, welche eine jüdische Philologie, eine Wissenschaft des Judenthums begründet haben, und Dank dem sittlicheren Geiste, der überhaupt in Deutschland sich aus zuerst schwächlichem, dann sogar unnatürlichem Aestheticismus erhoben hat, Dank all dem ist jene schmachvolle Zeit unter den Juden vorüber. Wir haben jetzt unser ruhiges historisches Selbstbewußtsein, wir wissen, welcher Väter Kinder wir sind und gewinnen daraus Anregung zu allem Edeln. Der Kampf der Wahrheit gegen das Vorurtheil ist freilich auch in Bezug auf alles, was die Juden

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