Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 20)
- Language
- German
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65 d. h. nur für Juden berechnete, und dann auch meist hebräisch geschriebene, oder eine in die Litteratur des Volkes und der Zeit, wo der Verfasser lebte, eingreifende. Denn der Jude hatte nicht nur den Triebs sich die herrschende Cultnr anzueignen, sondern auch daran mitzuarbeiten, und wo der Zusammenstoß der Verhältnisse glücklich war, da hat er auch ans seiner Eigenthümlichkeit heraus in die bestehende Cultur schöpferisch hineingearbeitet. So glücklich lagen freilich die Verhältnisse nur wenige Male. Der griechische Jude Philo arbeitete unter einem absterbeuden Volke in einer schon todten Sprache. Im Mittelalter waren alle Geister besangen; ein freies, von sich selbst ansaugendes Denken gab es in jener Zeit nirgends; auch die Juden hatten es nicht. Wie ich schon als Charakter des gesammten Mittelalters die Vermittlung bezeichnete, so waren auch die Juden, das wird die Hauptsache sein, in hohem Grade die Vermittler zwischen den Völkern. Doch verdient wohl hervorgehoben zu werden, daß jüdische Grammatiker im 10. und 11. Jahrhundert die Gründer der vergleichenden Grammatik waren, wie Jbn Esra im 12. Jahrhundert der Vater der biblischen Kritik genannt werden mag. Aber als der neue freie Geist ausging, da gab Spinoza, halb Spanier, halb Holländer und Franzose, aber ganz Jude, der Philosophie einen Anstoß, dessen Wirkung für immer dauert. Mendelssohn lebte in einer schwachen Zeit; aber Börne und Heine gaben dem deutschen Styl in der Lyrik und in der Prosa einen unverwischlichen Stempel. Spinoza, Börne und Heine heiße ich ein Glück, dessen' wir uns freuen dürfen. Warum dürsten wir es nicht? Ich könnte Andere, Lebende und Verstorbene, nennen, von geringerer Bedeutung, aber in der Geschichte der Cultur und Wissenschaft nennenswerth, deren wir uns ebenfalls freuen dürfen. Aber ich nenne sie nicht; auch sie heiße ich ein Glück. Das Wesentliche liegt für mich anderswo, wo es geringer erscheint und in gewisser Rücksicht auch geringer ist, und dennoch wesentlicher. Das ist, wie die Juden zu allen Zeiten gerungen haben, nach Maßgabe der jedesmaligen Höhe des menschlichen Geistes ihre Weltanschauung zu vertiefen, zu veredeln. Von diesem Gesichtspunkt finden die Philo, Mai- 5