Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 19)
- Language
- German
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64 Wie aber alles, was die alten Babylonier und Phöniker geleistet haben, vor den Schöpfungen der Hellenen und Römer verblaßt, so verschwinden auch die Leistungen der Araber im Reiche des Gedankens, wie hoch immer man sie schätzen mag, vor den Arbeiten der europäischen Völker in den letzten Jahrhunderten. Und wie steht es endlich heute mit den Semiten? Babylon und Ninive, Sidon, Tyrus und Carthago sind längst dahin und nur europäisch-indogermanische Wißbegier gräbt aus dem Schutte die trümmerhaften Ueberreste des semitischen Alterthums hervor. Jene Völker sind völlig verschwunden. Die Syrer hatten in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters durch Vereinigung christlicher und hellenischer Momente der Cultur eine Stätte geschaffen; sie wurde von den Arabern überschwemmt und die Syrer leben heute in einem kaum nennenswerthen Rest. Die Araber sind zwar noch da, und zwar in ziemlich großer Anzahl, aber für die Cultur kommen sie nicht in Betracht, weder die Araber der Städte noch die der Wüste. Sie bilden nicht einmal einen selbständigen Staat. Endlich die Juden. Zerstreut über die Erde, kann man sagen, entbehren sie alles dessen, was als nothwendige Grundlage zu einer nationalen Selbständigkeit bedingt wird. Man könnte sie eine bloße Religionsgesellschast nennen, wenn sie nicht auch durch die Gemeinsamkeit des Blutes verbunden wären. So mag man sie einen Stamm nennen, der aber für seine individuelle Existenz die Lebenskraft nur aus der Religion zieht. Diese seine Religion hat der Jude trotz seiner zweitausendjährigen Zerstreuung niemals gewandelt, aber immer und überall hat er sich, je nach der Kultur des Landes, in welchem er wohnte, akklimatisirt. So ist der Jude des 19. Jahrhunderts immer noch Jude, wie der des 9. und des 1., und dennoch in jedem Jahrhundert ein anderer. Er ist jetzt unter Deutschen ein Deutscher, unter Franzosen ein Franzose, unter Engländern ein Engländer u. s. w., wie er schon in Alexandrien unter Griechen ein Grieche war; er ist es bis auf die eigenthümlichsten Nationalzüge dieser Völker, und ist dennoch hier und dort, ehemals und heute, ein Jude. Die Litteratur der Juden ist theils eine speciell jüdische,