Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 17)
- Language
- German
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62 Entwicklung des Menschengeschlechts kann ich es bei der Andeutung bewenden lassen, daß, wie die Israeliten den Semitismus in seiner höchsten Form darstellen, so auch ihre religiöse Wirkung in der Geschichte den religiösen Einfluß der anderen Semiten an Umfang und innerer Bedeutung weit überragt: das Christenthum und der Muhamedanismus sind durch jüdische Anregung entstanden. Nur dies will ich hervorheben. Als durch die Kriegszüge Alexanders und seiner Nachfolger und dann durch die Kämpfe zwischen Römern und Parthern und endlich durch das grausame Aussaugungssystem der römischen Verwaltung ganz Vorder-Asieu und Nord-Afrika verödet oder ermattet da lag, da ward die muhamedanische Welt gegründet und wie mit einem Zauberschlage erwachte wieder in Mesopotamien und in Damaskus und in Aegypten und in der südlichen Hälfte Spaniens und auf Sicilien ein mächtig bewegtes Culturleben, mächtiger als es das alte Babylon gekannt hat und mit feinerer, edlerer Cultur. Diese muhamedanische Form des semitischen Geistes ergriff auch die indogermanischen Perser und bewirkte hier das Wunder, daß dieses Volk, die Perser, die bis dahin trotz ihres ehemaligen Weltreiches gar nichts hervorgebracht hatten, was in der Culturgeschichte zählen könnte, weder Poesie noch Wissenschaft, weder Bildwerke noch auch große imposante Bauten, sie, die durch nichts sich ausgezeichnet hatten, als einerseits durch Unterjochung und andererseits durch schmähliche Niederlage und elenden Untergang, die keine andere Rolle in der Geschichte gespielt hatten, als dann später die Mongolen spielten — sie brachten unter muhamedanischem Einflüsse eine hohe Cultur hervor und schufen litterarische Erzeugnisse, die in keiner Uebersicht der Weltlitteratur übergangen werden können. Auch als die Perser wieder ein selbständiges Reich bildeten, nachdem sie sich von der Herrschaft der Khalifen befreit hatten, als das nationale Bewußtsein wieder erstarkt war, als Viele so weit gingen, den noch nicht vergessenen altpersischen heidnischen Cultus neu zu pflegen, da waren die Fürsten und die Gebildeten in Persien doch besonnen genug, um dem Muhamedanismus treu zu bleiben und ihn nicht gegen den alten, doch nur kläglichen Feuer-Cultus zu vertauschen. Da waren sie besonnener als unsere heutigen