Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 16)
- Language
- German
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61 gedankm den semitischen Charakter. Der Grundsatz: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig ist euer Gott", er ist in der Form ganz semitisch; denn semitisch war die Forderung, der Mensch müsse sich völlig Gott angleichen. Nun ist es betrübend, daß die Götter der semitischen Heiden unheilig waren; so wurden ihre Bekenner unheilig. Als aber der Prophet Gott als heilig erkannt hatte, da war die Forderung gegeben, daß' der Mensch, sich Gott anähnlichend, heilig sein sollte. Und wenn es heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich der Ewige", so bedeutet dies: da ich der Ewige dich und deinen Nächsten in gleicher Weise als Vater liebe, so liebe du, mir nächahmend, deinen Nächsten als Bruder wie dich; thue du ihm alles das und genau so, was und wie du wünschest, daß Gott dir thue; so ist die Nächstenliebe nur die Folge der Forderung der Gottähnlichkeit. — Semitischer Orgiasmus liegt auch in dem Grundgebot: „Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit aller deiner Macht", „Du sollst reden von Gottes Wort, wenn du in deinem Hanse sitzest und wenn du auf Reisen wanderst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst". So spricht nur ein Semit; und hat der Jude das nicht wörtlich erfüllt? Er hat es erfüllt, nicht nur in den Zeiten der Verfolgung, wo der Haß nnd Hohn schnaubende Verfolger das Feuer der jüdischen Begeisterung besonders anfachte; sondern auch in den langen Zeiten ruhigen, gleichmäßigen, kleinlichen Druckes, wo ihm Licht und Lust beengend kärglich zugemessen ward. An Bau- und Kunstwerken haben die Israeliten nichts hervorgebracht, was auch nur von Weitem den Bauten und Werken Babylons und Ninives nahe käme. Wissenschaftliche Entdeckungen haben sie gar nicht gemacht. Eine umfangreiche Litteratur hatten sie und ein Bruchstück ist uns gerettet. Ein Blatt davon hat mehr weltgeschichtlichen Werth, als alle Werke der Semiramis mit' allen Pyramiden und Obelisken Aegyptens. Denn alle diese Werke sind durch die kurzathmige Arbeit von Sclaven entstanden; das Wort des Propheten aber ist der Hauch der göttlichen Freiheit. Und so hat nun längst dieses Wort alle Culturvölker gewonnen. Bezüglich des Einflusses des Monotheismus aus die