Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 15)
- Language
- German
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60 — In den Israeliten hat der semitische Stamm seine Bestimmung vollständig erfüllt, und hier wird es am klarsten, daß diese Bestimmung wesentlich nur in der Richtung der Religion lag. Denn die Israeliten hatten durchaus nichts anderes als ihren Monotheismus. Babylon zahlte schon ein Jahrtausend seiner Größe, als das israelitische Volk mit seinem Einzuge in Palästina geboren wurde. Jahrhunderte kämpft es, um sich den Boden zu erringen, auf dem es sich entwickeln sollte. Als Staat aber nahm es selbst in seinen blühendsten Zeiten nur den Rang einer Mittelmacht ein; auch war seine politische Organisation immer mangelhaft, wie die aller semitischen Völker. Wie sich Freiheit mit fester Vereinigung der Individualitäten zu einem starken Ganzen verbinden ließe, das verstand man im hohen Alterthum, also in Asien überhaupt gar nicht; auch die Jndogermanen Asiens, die Meder, Perser, Inder verstanden es nicht, und die Griechen und Römer wußten zwar wohl sehr gut Städte zu organisiren, aber nicht Staaten. Und soll ich hinzufügen: noch heute liegen Freiheit und Einheit im Kampf? Ein einziges freiheitliches Element indessen unterscheidet Israel von allen asiatischen Völkern, Semiten und Jndogermanen: die Prophetie. Ein Element nenne ich sie; denn eine Institution war sie kaum, sie war etwas ganz Persönliches und unmittelbarer Ausfluß der monotheistischen Religion. Und sowohl in dieser wie in jener Rücksicht, ich meine: als Erfolg bloß der Religion wie als etwas rein Persönliches, zeigt die Prophetie wieder ihren semitischen Charakter und zwar als höchsten bedeutsamsten Ausdruck und Bcthätigung derselben. Die Heiden, auch die hochgebildeten Griechen, deuteten die Zukunft aus gewissen natürlichen Vorgängen, aus Vogelflug und Vvgelgeschrei, aus den Eingeweiden geschlachteter Thiere, aus Pferdewiehern, aus den ausgestoßenen Tönen einer von Zuckungen ergriffenen Frau: alles das war dem Israeliten ein Greuel. Der Prophet befragte Gott, den allwältenden Geist, und vernahm dessen Stimme unmittelbar in seinem eigenen Innern; er war in persönlichem Verkehr mit Gott. In dieser seiner Verzückung war er auch der höchste Idealist, der, je heilloser ihm die Gegenwart erschien, um so sicherer eine um so bessere Zukunft schaute. — Und wie sein Wesen, so trugen auch seine Vor-