Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 14)
- Language
- German
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59 aus subjektive Stimmung war zwar der höheren Entwicklung der plastischen Kunst und objektiven Wissenschaft nicht günstig, aber nothwendig für die erste Ueberwältigung der Natur durch den Menschen. Was für den Anfang gut ist, ist nicht auch gut für die Vollendung. Die Semiten hatten den Geist, die Cultur zu beginnen, aber nicht sie zur Höhe zu bringen. Ich komme zu den Israeliten, unfern Voreltern. Sie sind freilich im Inhalte ihres Geistes von ihren heidnischen Brüdern sehr verschieden. Wie sehr jedoch das, was ich vom Temperament der Semiten gesagt habe, von ihrer Erregtheit und ihrem Ernst, auch auf die Israeliten zu beziehen ist, das, möchte ich sagen, können wir an uns selbst erleben und können es noch besser aus uuserer Erinnerung mit Beispielen belegen. Viele von uns können sich eine jüdische Synagoge vergegenwärtigen, wie unsere Väter und Mütter sie besuchten, und können sich deren ganze Lebensweise zurückrufen. Strenges Fasten während 24 Stunden von Abend bis Abend, nicht bloß der Männer, sondern auch der Frauen, und nicht mit Unrecht möchte man sagen, auch der Kinder; Beten während des ganzen Tages vom Grauen des Morgens bis zum Erscheinen der Sterne; ja kräftige Männer beteten stehend 24 Stunden, ohne sich selbst vom Schlaf unterbrechen zu lassen; das Brustklopfen, die Körperbewegung, die Andacht bis zu Jubel und Thränen: alles dies bekundet seniitisches Temperament, wie es die alten Kulturstätten im Libanon, auf Cypros und in Kleinasien kannten. Die Enthaltung von aller Fleischspeise, welche sich der arme Jude während der sechs Wochentage aus dem Lande umherziehend auferlegte, um dem Speisegesctz treu zu bleiben und die vollkommene Ruhe von jeder Arbeit und selbst jedem Schein einer Arbeit am Sabbath ist semitischer Ernst. Der Eifer, mit dem die jüdischen Lehrer und die Schaaren ihrer Schüler Tag und Nacht dem Studium oblagen, ist semitischer Enthusiasmus. So hatte auch semitischer Enthusiasmus alle Propheten begeistert, auch die Makkabäer; Enthusiasmus und Unbeugsamkeit bekundeten endlich die Helden und Eiferer, welche den letzten Kamps für die Unabhängigkeit Judäas gegen die Römer kämpften. Sie kämpften nicht als Verzweifelnde, sondern als Hoffende, Sieg hoffend bis zum letzten Athemzuge.