Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 13)
- Language
- German
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58 Solche erwartende, überwältigende Gefühlsstimmung war der Kunst nicht günstig. Namentlich die plastische Kunst verlangt ein ruhiges Auge und eine ruhige Hand, wie sie der Semit nicht hatte. Eine zu starke Erregung schwächt die Fähigkeit, sich zu äußern, darzustellen. Auch der weiteren Entwicklung der Wissenschaft ist solche innere Unruhe nicht günstig. Die Astronomie der Babylonier veranlaßt folgenden Gedanken. Die Jndogermanen lieben den Tag und fürchten die Nacht. Ihrem ruhigeren Temperamente sagt gerade die Erregung zu, welche ihnen das Licht gewährt mit all den beweglichen Bildern der Außenwelt. Die Nacht, welche ihnen diese angenehme Beschäftigung der Augen entzog, ängstigte sie wie die Kinder. Anders die Semiten. Des Tages Licht mit seinem geräusch- und wirrvollen Leben versetzte sie in übermäßige Erregung; sie sind Freunde der stillen Nacht mit ihrem milden Sternenlicht, durch welches ihr leidenschaftlich schlagendes Herz besänftigt wird. Von dem Wechsel der irdischen Natur hingerissen und außer sich versetzt, geben sie sich des Nachts gern dem schwächeren, sanften Eindruck der Außenwelt hin, erkennen sie zuerst in der Sternenwelt eine ruhige Bewegung in gleichmäßigem Gesetz, wodurch sie selbst beruhigt werden. 'Richtet sich diese mäßige Gefühlserregtheit auf einen praktischen Zweck, so erscheint sie als Energie und Unbeugsamkeit des Willens, als rastloser Fleiß. So haben die Babylonier und Assyrer die großen Bauten aufgeführt, die Phöniker ihre Schifffahrt unermüdlich so weit getrieben, als man im Alterthum und Mittelalter sie treiben konnte. Auch die altsemitische Industrie beweist eine mächtige Bewältigung des Stosies. Das Volk, das zuerst eine bemerkenswerthe Herrschaft über die Natur üben sollte, mußte ein starkes Persönlichkeitsgefühl, eine vorwiegende Subjektivität besitzen. Es mußte keine Rücksicht nehmen auf das, was ein Ding in der Natur an sich gilt, sondern alles nur beachten, insofern es dem Menschen dienlich sein kann. Es mußte gleichgültig sein gegen die Gestalt, die ein Ding durch seine Entstehung hat, um demselben die Gestalt aufzuzwingen, in welcher es den menschlichen Bedürfnissen nützlich werden kann. Solche durch-