Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 12)
- Language
- German
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57 der Schönheit. Ihnen lag die Gefahr einer gewissen Oberflächlichkeit und Äußerlichkeit nahe; der entgingen die Griechen, indem sie sich im Verkehr mit den Semiten in Kleinasten von diesen soviel aneigneten, als bei ihrem kälteren Sinne möglich war. Nur ausnahmsweise ließen sie sich zu ausschweifenden Orgien Hinreißen. Im Allgemeinen war ihr Sinn darauf gerichtet, auch in der Religion Maß zu halten, während die Semiten ihre Religion ins Maßlose entwickelten. Was die Semiten im tiefsten Grunde und ganz augenscheinlich von den Jndogermanen des Alterthums, namentlich der Griechen und Römer, an die ich hier zumeist denke, besonders unterschied, war das Temperament, aus welchen sich das bisher Erwähnte leicht begreifen läßt. Der Semit war höchst reizbar, nicht nur leicht und schnell ergriffen, sondern die Erregung drang auch tief in das Gemüt und nahm es für den Augenblick völlig ein. Bei seinen Wahrnehmungen überwog das Gefühl die Anschauung. Daher war er bei der Auffassung der Gegenstände innerlich und persönlich mehr betheiligt, inniger berührt. Das machte ihn empfänglich für allgemeine Gedanken; so begeisterte er sich für Prinzipien. Ersuchte überall das Innere, das Wesenhafte zu erfassen, und von der Stimmung, in welche ihn die allgemeine Betrachtung der Natur und des menschlichen Lebens versetzt, war er auf Stunden und Tage völlig hingerissen, dabei aber verlor er die Ruhe, welche nötig ist, ein klares Bild von den Gegenständen und ihren Verhältnissen zu gestalten; er nahm die Dinge nicht, wie sie sich einfach gaben, sondern in bestimmter in seiner Seele vorgezeichneter Rücksicht, zuweilen einseitig. Er beurteilte alles nach sich. Wie er von Schmerz und Freude sich heftig ergriffen fühlte, wie ihn die blühende und ersterbende Natur mit starker Sympathie erfüllte, so erkannte er in der Natur thätige und leidende Gottheiten, denen er diente, indem er ihnen in Schmerz und Lust die vollste Teilnahme bewies, und er jubelte und schluchzte an ihren Festen, welche mit den Wendepunkten der Jahreszeiten zusammenfielen. So auf das Innere der Natur gerichtet, faßte er das Leben derselben in allgemeinen Prinzipien zusammen, die ihm die höchsten Götter waren. Die Klarheit der Anschauung aber ging darüber verloren; die Gegenstände wurden nicht in scharfen Umrissen erfaßt.