Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 11)
- Language
- German
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56 Religionen einen von der indogermanischen auffallend verschiedenen Zug, und zwar einen erhabenen. Dazu kommt der Charakter der Semiten, der wohl begreifen läßt, warum sie früher zu geistiger Blüte gelangten als die Jndogermanen und warum ihre Wirksamkeit besonders auf dem Gebiete der Religion liegt. Die Semiten sind ernster als die -Jndogermanen, besonders als die Griechen. Von den Griechen möchte man sagen, sie sind das Volk des Spiels. Ihr Gottesdienst war voll von Spiel, und der Sieg in solchem der Gottheit geweihten Wettkampf galt als eine Ehre, die kaum übertroffen werden konnte. Die Semiten dagegen nahmen alles Religiöse in vollem Ernst und ihr Kultus war leidenschaftlich. Je nachdem sie sich eine Gottheit in Freude oder in Trauer dachten, waren sie bei den Festen selbst rasend vor Lust oder Schmerz, sodaß sie sich sogar in vollster Sinnlosigkeit verwundeten. Daher gab es bei ihnen auch Menschen- Opfer, nicht aus Roheit, und nicht etwa gefangene Feinde wurden geopfert, sondern die edelsten Familien gaben ihren Sohn dem Gotte hin, nicht bloß symbolisch, sondern indem sie wirklich, obwohl mit blutendem Herzen, das Kind im Feuer verbrannten und so, wie sie wähnten, mit der Gottheit vereinten. Also nicht in dem Sinne waren die Semiten ernst, als hätten sie nie gelacht, sondern wie wir sagen, eine Sache ernst nehmen, d. h., sich nicht oberflächlich mit der religiösen Forderung abfinden, sondern diese möglich vollständig und eigentlich durchführen. Die Semiten waren konsequent. Freilich, wnnn nun ihre Voraussetzungen abergläubisch waren, so mußten sie in einen schrecklichen Kultus geraten, der den Propheten Abscheu und Grauen einflößte. Indem sie den Naturgöttern nachahmten, kamen sie zu einer Verleugnung des Geistes, bei welcher jedes zartere Gefühl sowohl des Anstands wie des Mitleids geopfert ward, alle Besonnenheit verloren ging, und der Götterdienst zu einem berauschten, rasenden Wüten umschlug. Dagegen hielten sich die Jndogermanen bei ihrem geringeren Eifer für Religion, bei geringerer Konsequenz, in einer gewissen Nüchternheit und Leichtigkeit, ließen alles, was sie von ihren Göttern Gefühlverletzendes und Anstößiges erzählten, ohne Einfluß und gestalteten ihren Kultus mit geringerer Erhabenheit nach Gesetzen der Wohlanständigkeit und