Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 10)
- Language
- German
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55 und Rom vorkam, sondern alte hellenische Culte wurden nach analogen semitischen Culten mit einer größeren Bedeutsamkeit gepflegt, und zwar mit gesteigertem Enthusiasmus und lebhafterer Erregung des Innern, auch bereichert mit neuen fruchtbaren Ideen. Es sind die Culte des Dionysos und der Demeter, bereichert durch Vorstellungen von der Unsterblichkeit, welche damals in Hellas unter semitischen Einflüssen einen neuen Aufschwung nahmen und für die ganze hellenische Kultur von großer Wichtigkeit wurden. Um die Art dieser Wirkung ungefähr begreiflich zu machen, muß ich hier ein paar Worte über die semitischen Religionen sagen. Der ursprüngliche Volksglaube der Semiten ist schon im höchsten Altertum durch die Priesterschaften veredelt worden und hat dadurch im Ganzen einen Zug der Erhabenheit gewonnen, wie er bei den Jndogermanen nur vereinzelt vorkommt. Die Neigung, die Vielgötterei zu einem ältesten und höchsten Gotte, der in lichter Höhe wohnt, zuzuspitzen, ist bei den semitischen Völkern von ganz anderer Macht als bei den Jndogermanen gewesen. Hat sich doch mancher Gelehrte so weit täuschen lassen, zu meinen, die semitischen Völker hätten sämmtlich und ursprünglich die monotheistische Religion gehabt. Das war freilich ein Jrrthum. Die Semiten verehrten sämmtlich und zu allen Zeiten viele Götter, der israelitische Prophet von seinem Standpunkte aus sagt: fremde Götter. Es waren Naturgötter und hierin sind sie von den indogermanischen gar nicht verschieden. Was aber bei den Griechen erst spät, in den Zeiten des Verfalls und nur bei den Philosophen eintrat, das Streben, die Natur als Einheit zu fassen und die vielen Götter als Modifikation oder Kräfte der einen alles in sich schließenden Natur anzusehen, das hatten die Semiten um viele Jahrhunderte ftüher schon gethan. Solch eine Gottheit, welche den Wert mehrerer Gottheiten in sich vereinigt, ist freilich erhabener als diese Teilgötter, ist aber immer noch etwas ganz anderes als der eine geistige Gott Israels. Der Naturgott kann nicht einmal seine Einheit bewahren; denn, wenn der Inhalt seines Wesens vorgestellt wird, so zersplittert er sich wieder in die Teile seines Inhalts. Immerhin aber giebt das Streben nach Einheit den semitischen