Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 9)
- Language
- German
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54 Bild liefert, so dürfen wir uns ein solches auf dem Boden der alten semitischen Kultnrstaaten, Babylon, Ninive, Sodom und Tyrus mit Recht entwerfen; aber dieses Bild würde alles Lichtes entbehren, wenn wir nicht hinzudenken, daß hier das Alphabet und das erste rationale Maß geschaffen war. Beides aber, wie auch die babylonische Astronomie, steht im Zusammenhang mit der Religion, denn es sind Schöpfungen der Priesterschaft. Die Religion ist ursprünglich der ganze theoretische Geist, der auch alle Praxis durchdringt; die Priester waren die Väter der Wissenschaft und Ordner des Lebens zugleich. Die Ausbreitung des Alphabets einerseits über Europa, aber auch über Indien, gehört mit zu jenem Segen: „Gelobt ist Gott, der Gott Sems." Alles was Litteratur heißt, nur die chinesische ausgenommen, hat im Alphabet eine semitische Grundlage des Daseins. Von der Religion geht auch die Kunst aus. Die Werke der altsemitischen Baukunst und Plastik sind wohl aller Beachtung wert, als menschliche Hervorbringungen; in neuster Zeit sind sie uns in weiterm Umfange näher bekannt und viel besprochen worden; aber auf die höhere und reinere Entwicklung der Kunst haben sie wohl kaum eingewirkt. Diese Schöpfung war den Griechen Vorbehalten. In der Musik war Lydien anregend für die' Griechen; indessen dieser Punkt führt zu einer wichtigen Betrachtung, nämlich zu dem Einstusse der semitischen Religionen auf die Jndogermanen, also zu unserm eigentlichen Thema. Denn es ist nun schon klar, daß die weltgeschichtliche Bestimmung der Semiten sich in der Richtung auf Religion und damit allerdings auch auf gewisse Grundelemente alter Kultur offenbart. In Klein-Asien hatte nicht bloß das mächtige semitische Reich der Lyder bestanden, sondern von diesen aus wurden auch die Phryger, die ursprünglich Jndogermanen waren, in der Religion, und d. h. im Geiste überhaupt, ganz semitisch. Und so wurden auch die klein-asiatischen Griechen im 8.—7. Jahrh. von lydisch-phrygischer Denk- und Gefühlsweise ergriffen, und bis auf das Festland der Griechen breitete sich dieser Einfluß aus. Nicht so dürfen wir uns die Sache denken, als wäre unmittelbar eine semitische Gottheit ausgenommen worden, wie das in späterer Zeit in Alexandrien