Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 8)
- Language
- German
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53 Verbindung mit der Phase der Entwicklung, auf welche es stößt, zu begreifen. Auf diesen höchsten geschichtlichen Standpunkt, wie ich ihn soeben in Kürze bezeichnet habe, müssen wir uns versetzen, wenn wir die Bedeutung eines Volkes oder einer Völkergruppe für die geschichtliche Entwicklung wahrhaft würdigen, ja wenn wir sie richtig erfassen wollen. Es würde allgemeines Lachen erregen, wenn man mit einem herabwürdigenden Seitenblicke bemerkte, die alten Babylonier haben doch keine Dampfmaschinen gehabt; auch wird es niemand einfallen, den Mangel dieser Erfindung dem vorigen Jahrhunderte zum Vorwurfe zu machen und wenu es einen Thoren giebt, der, sich brüstend mit seiner Naturwissenschaft, die Propheten anklagt, den elektrischen Telegraphen nicht erfunden zu haben, nun, so ist er eben ein Thor. So kann man es den Babyloniern auch nicht als Tadel anrechnen, daß sie nichts von einer Repräsentativ-Verfassung wußten. Denn wie die Erkenntnis, so hat auch die Einrichtung des praktischen Lebens ihre Geschichte. Die semitische Kultur ist älter als die der Jndogermanen, und folglich ist sie weniger entwickelt. Was die Menschheit den Semiten verdankt, sind gewisse Elemente der geistigen Bildung, gewisse Grundlagen, welche für jeden höheren Aufschwung unentbehrlich sind. Dahin gehört vor allem die Erfindung der Buchstabenschrift, auch die Anfänge der Astronomie, künstlerisches Handwerk und die Einrichtung der Maße aller Art, der Gewichte und Münzen. Alles dies ist wahrscheinlich von Babylon aus, dem ältesten Sitze und Mittelpunkte der semitischen Kultur, durch die Phöniker über die ganze alte Welt, auch Hellas und Italien, verbreitet worden. Wir wollen die semitische Industrie nicht gering schätzen (es sei beispielsweise nur an die Erfindung des Glases erinnert) dergleichen kann doch neben der Wichtigkeit der Buchstabenschrift und der Maße nicht ins Gewicht fallen. Das waren Schöpfungen eines edlen wissenschaftlichen Strebens, deren Wert für alle weitere theoretische und praktische Bethätigung des Geistes augenblicklich einleuchtet. Wenn ein vielbewegtes Leben mit mannigfacher Thätigkeit und eben so mannigfachem Genüsse, ein reger Austausch von Natur- und Kunsterzeugnissen ein menschenwürdiges und darum erfreuliches