Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 7)
- Language
- German
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52 Landes unterstützt ward, und wie es Einflüsse von andern Völkern empfangen und auf sie geübt hat, um die ihm zugefallene Aufgabe zu lösen. Giebt es etwas wunderbareres als das Jneinandergreifen dieser beiden Seiten der Geschichte, der idealen Gedanken-Entwicklung und der realen Volker-Existenz! Staunenswert ist der Organismus eines lebendigen Wesens, aber um wie viel wunderbarer der Organismus der Geschichte der Menschheit! Oder wäre es nicht so? Die Jndogermanen sind, nach ihrem Dasein in der Wirklichkeit, so alt wie die Semiten; aber sie schliefen noch ein Jahrtausend in einfachem Naturzustände, während die Semiten schon zu hoher Kultur erwacht waren. Dann weiter sind die Germanen, obwohl ebenso alt wie die Hellenen, doch wieder um ein Jahrtausend später, als .diese aufgetreten, und die Hellenen selbst werden nicht in allen ihren Stämmen gleichzeitig erweckt, sondern ein Stamm nach dem andern, bis sich zuletzt Athen erhebt. So bieten uns die Völker ein Bild, wie es der Frühling zeigt. Nicht an demselben Tage bekommen alle Baum- und Pflanzen-Arten Blätter und Blüten, sondern die eine Art hat ihre Blüte schon verloren, wenn die andere dieselbe noch in der Knospe birgt. Solches Schauspiel in der Geschichte kann wohl den Gedanken erregen, daß hier außer den wahrnehmbaren Ursachen auch noch ein Grund höherer Ordnung walte. Aber der Glaube an Gott und göttliche Vorsehung kann die Wissenschaft nicht der Arbeit überheben, die in der Welt gegebenen Verhältnisse zu erforschen und aus diesen die Gestaltung der Geschichte zu begreifen. Wie die Natur nach unwandelbaren Gesetzen lebt, so vollzieht sich auch der Fortschritt in der Geschichte nach den gleich strengen Gesetzen des geistigen Wachsthums. Die Wissenschaft hat also ihre Aufgabe lediglich für sich und nach eigener Weise zu lösen/ und erst darnach kann sich ihrem Funde der Glaube als Zuthat des Gemütes beigesellen. Diese Ergänzung durch den Glauben wird um so wertvoller sein, je eindringlicher die Erkenntnis der Wissenschaft ist. So haben wir aus dem Charakter und den Lebensbedingungen eines Volkes zu erkennen, warum es nicht früher zum Eingreifen in die Weltgeschichte gediehen ist und haben die Weise seines Auftretens, aus seinem Charakter in