Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 5)
- Language
- German
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50 die Namen der Völker Sems und Japhets hören, ich wiederhole also einerseits die Semiten: Babylonier, Assyrer, Syrer, Lyder, Phöniker, Israeliten, Araber; andererseits die Jndogermanen: Meder, Perser, Phryger, Hellenen, Italer, Celten, Germanen, Slaven, so hören wir die Namen derjenigen Völker, Welche die Träger der Geschichte waren und sind. Das chamitische Aegypten spielt doch nur wenig mit. Fragen wir aber, welches sind die geschichtlichen Thaten Sems und die Japhets, so bezeichnen diese Thaten nur die Erfüllung seines Segens: „Gelobt sei Gott, der Gott Sems", und Sem hat seine Religion über die geschichtlichen Völker verbreitet: „Gott mache weiten Raum dem Japhet", und die Jndogermanen sind heute die Herren der Erde. Ihnen, hochverehrte Versammlung, die weltgeschichtlichen Thaten und den Charakter der Semiten in den weitesten Umrissen und in Andeutungen vorzuführen, ist die Aufgabe, die ich mir in diesem Vortrage gestellt habe. Die Cultur der Semiten ist um Jahrtausende älter als die der Jndogermanen. Babylonier und Phöniker hatten eine Zeit geistiger Blüte, während die Hellenen noch im Natur- Zustande waren. Die Geschichte ist eine wunderbare Kette, die sich durch die Zeiten erstreckt, so daß in jedem Zeitalter immer nur ein Ring wirklich ist, welcher aus dem Gehalt aller vorangehenden geformt ist und selbst wiederum in den Gehalt des folgenden Ringes übergeht. Und jedes Glied dieser geistigen Kette wird von einem Volke oder einem Verbände von Völkern getragen, geschmiedet; und hat das Volk seine Arbeit gethan, so verschwindet es vom Schauplatz der Geschichte, zuweilen gar völlig von der Erde. Dies nennen wir eben Entwicklung des menschlichen Geistes, daß ein Gedankenkeim, der mit dem Ursprung des Menschengeschlechts gesetzt war, allmählig anwächst, an Kraft und an innerem Werthe zunimmt. Die Erkenntnisse steigern sich, das Gemüt vertieft sich, die Thätigkeit wird kraftvoller, ergebnisreicher, edler. So sind das, was ich soeben Ringe einer Kette nannte, Phasen einer Entwicklung. Die Entwicklung als Ganzes ist das Wesen der ganzen Menschheit; die einzelnen Phasen bilden das Verdienst und das Glück, das Schicksal und die Bestimmung der einzelnen Völker. Was die früheren Völker errungen,