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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 22

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Litterarische Jahresrevue
Date
1901-01-01
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 oder wenn er leichtfertig genug, es auf eigene Kosten herausgiebt, keine Käufer zu finden. Es gehört dazu eine Entsagungsfreudigkeit, die vielleicht ein Rabbi Chija geübt haben mag, die man aber in unserer Zeit von Niemandem ernstlich verlangen kann. Man muß sogar in der That darüber staunen, daß noch so viel Bücher auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur erscheinen, da doch der Kreis des Bücher kaufenden Publikums ein so überaus kleiner ist. Diese Klage über die Theilnahmslosigkeit des Publikums gegenüber den Schöpfungen unserer Litteratur ist aber nicht blos in unseren Kreisen zu hören, man vernimmt sie ebenso gut in der deutschen wie in vielen anderen großen Litteraturen. In einem geistvollen Essay über Lektüre erzählt Georg Brandes: Ich war eines Tages bei einem reichen Kunstmäcenas in einem der skandinavischen Länder eingeladen, einem Manne, dessen Sammlung einen Werth von mehr als einer Million hat. Als ich seine Gemälde gesehen hatte, sagte ich: „Jetzt möchte ich gern die Bücher sehen, wo sind sie?" Er antwortete etwas ärgerlich: „Ich sammle keine Bücher!" Er besaß fast keine. Der Mann, welcher antwortete, ich sammle keine Bücher, sah nicht die Nothwendigkeit des Lesens ein. Die gleiche Entschuldigung haben unsere Reichen oder Wohlhabenden nicht, sie wissen die Bedeutung der Lektüre wohl zu schätzen — aber sie kaufen trotzdem keine Bücher, und ein Neugieriger könnte von einem reichen Wiener, Frankfurter oder Berliner Bankier und Kunstmäcen dieselbe Antwort hören wie Brandes von seinem skandinavischen Sammler. Die Neigung, Bücher zu kaufen, ist nun einmal eine wenig verbreitete; sogar reiche Leute, sagt Brandes, haben selten die Liebe zum Buche, die sich darin zeigt, daß man das Exemplar schont, es in einen Einband binden läßt, der dem Inhalt und dem persönlichen Geschmack des Besitzers entspricht, und er schließt seine Klage mit dem Seufzer: „Man hat einfach keine eigene Auffassung des Inhaltes und keinen persönlichen Geschmack." Wenn solche Klage aber in dem Bereiche der großen Litteratur erschallt, was kann man von einem kleinen, wenig beachteten und viel verkannten Litteraturkreise erwarten, in dem die einzigen Käufer — meistens die Schriftsteller selbst sind! Das ceteruin censeo bleibt also auch heute wie in

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