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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 20

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Litterarische Jahresrevue
Date
1901-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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— 20 — selbe sogar in gewissem Falle verkümmern. Deshalb ist der Grundsatz: Lst modus in rebus nirgends mehr zu beachten als gerade bei historischen Untersuchungen. Es kann der Wissenschaft kaum frommen, wenn ein junger Gelehrter eine Untersuchung darüber anstellt, und sei sie auch noch so scharfsinnig, mit dem gelehrtesten Apparat geführt, ob eine Scharteke oder ein Leichenstein aus dem Mittelalter ein Jahr früher oder später angefertigt wurden, nicht etwa darum, weil solche Kleinigkeiten keinen so bedeutenden Werth haben wie die großen Ereignisse, sondern vielmehr, weil sie gar keinen Werth haben, und auch größere Ereignisse in der Menschenwelt bei einem gleichen Verhältnisse in ihrer Erfolglosigkeit für uns ebenfalls keinen Werth hätten. Die Vergangenheit hat nur dann eine geschichtliche Bedeutung, wenn ihre Resultate Bestand erworben und in einer gewissen Weise noch in die Gegenwart hineinragen. In einem solchen Falle erhält das Kleine wie das Große einen positiven Werth und muß nach allen Seiten erforscht werden. Stehen aber ftühere Leistungen und Zustände in gar keiner Verbindung mit der Gegenwart, sind sie für uns so überwunden, daß irgend eine Bedeutung derselben nicht ersichtlich oder erkennbar ist, dann mögen sie wohl in müßigen Stunden dem Forscher zur Übung seines Scharfsinns Vergnügen und Abwechslung gewähren — einen wissenschaftlichen Werth werden sie niemals haben. Gerade aber solcher Art sind leider sehr viele Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur. Vortreffliche Gelehrte mühen im Kleinlichen ihren großen Geist, ihren blendenden Scharfsinn, ihr tiefes Wissen ab; blickt man aber auf die Resultate solcher Leistungen, so begegnen wir höchstens langen Verzeichnissen von Jahreszahlen und von Namen, die zu ihrer Zeit kaum beachtet wurden, die Gegenwart jedoch gar nicht berühren. Mit dem größten Eifer und Ernst stellt man Untersuchungen an über.die ganz obskuren Verfasser einzelner Rechtsgutachten, über die Leichensteine unbekannter Männer und Frauen, weil sie aus dem Mittelalter stammen uyd aus. alten Friedhöfen gefunden wurden, über die Jahreszahl des Druckes irgend einer alten Techina und über den Geburtstag irgend eines Rabbi, der durch ein werthloses Opusculum

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