Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111905--0963-3111942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 Wichtigste ist, keine systematische Darstellung von dem Lehrinhalt, von dem Wesen und der Bedeutung des Judenthums besitzen, die man gebildeten Lesern in die Hände geben könnte, etwa von der Art, wie das Buch von Harnack über das Wesen des Christenthums. Viel eher könnte man die Klage erheben, daß wir schon zu viel Vorarbeiten und zu viel Material haben, und daß die Richtung, welche immerfort neue Bausteine sammelt, nicht einer anderen den Weg geebnet, die auf das Große und Ganze ihr Augenmerk richten könnte. Diese archäologische Strömung beherrscht schon mehr als ein halbes Jahrhundert die jüdische Litteratur. Fast alle wissenschaftlichen Leistungen haben einen antiquarischen Charakter und eine philologische Natur, als gehörte die Wissenschaft des Judenthunis einzig und allein dem Alterthum an. Es sei fern von mir, solche wissenschaftliche Bestrebungen zu unterschätzen. Ich weiß sie sehr wohl nach ihrem inneren Werth und ihrer großen Bedeutung für die Litteratur zu würdigen, aber ich bleibe trotzdem bei der Anschauung, daß historische Studien überhaupt einen entgegengesetzten Weg einschlagen müßten als z. B. die naturhistorischen. Während der Naturforscher die Einzelerscheinungen, die Welt im Kleinen, empirisch aufzusuchen und zu ergründen sich bemühen muß, um aus den Einzelheiten ein Bild der Gesammtheit zu gestalten, kann der Historiker nur aus der Totalanschauung das Einzelne erfassen und in seinem Verhältniß zum Großen und Ganzen würdigen, wenn er nicht in dem Einzelnen und Kleinen seinen Geist vergeblich abmühen und zwecklos erschöpfen will. Er würde anders in Aufsuchung und Festsetzung des Unwesentlichen seine Kräfte zersplittern und nie zur Ergründung des Wesentlichen gelangen. Denn in der Natur herrscht keine Willkür, es wird alles von dem Geiste des Großen und Ganzen getrieben; die Einzelerscheinung ist demnach die Buchstabenschrift, das Zeichen, um das Allgemeine herauszudeuten und zu erklären; dagegen waltet in der Geschichte, die ein Produkt des Menschengeistes ist, auch menschliches Belieben und Willkürliches vor, und die Ergründung desselben wird nicht nur nicht das Totalbild entziffern, sondern kann das-