Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 systematischer Weise und nach den Forderungen der modernen Wissenschaft verarbeiten. Noch immer warten wir auf die großen Dichter, welche die brennenden Zeitfragen und die vielen und seltsamen neuen Erscheinungen innerhalb des Judenthums der Gegenwart in poetischen Bildern uns vorführen. Noch immer ersehnen wir den oder die Mäcene, welche unserem armen Schriftthum Hilfe und Rettung bringen sollen. Vergeblich! Weder die großen Werke noch die bedeutenden Dichter, weder die vielen Leser noch die einzelnen Mäcene sind bisher auf der Bildfläche erschienen; selbst die Bewegung innerhalb des Judenthuins, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren unstreitig sich kund gegeben, hat auf diesem Gebiete nicht Wandel geschaffen. Es wäre ein verdienstliches Beginnen, den Gründen dieser Theilnahmslosigkeit nachzuforschen. Allein eine solche Betrachtung erforderte mehr Zeit und Raum, als sie mir hier zu Gebote stehen. Ich muß mich auch diesmal damit bescheiden, die Klagen zu wiederholen, die meine Leser schon seit Jahren gehört, und die Wünsche daran zu knüpfen, die ihnen ja auch nicht mehr fremd sind. Aber einige Bemerkungen zur Sache selbst möchte ich mir heute doch erlauben; vielleicht finden sie hier und da ein geneigtes Ohr. Vor allem ist in unserer Litteratur der Mangel an großen, einheitlich abgeschlossenen, systematischen und grundlegenden Werken zu verzeichnen. Immer und immer wieder muß man den Blick in die erste Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts zurückwerfen. Was sind da für Werke erschienen, ohne daß die Autoren reiche Hilfsmittel, große Bibliotheken, werthvolle Vorarbeiten besaßen! Als Zunz seine Gottesdienstlichen Vorträge schrieb, hatte er weder Material noch Hilfsmittel noch auch nennenswerthe Vorarbeiten. Und so erging es Sachs, als er sein Buch über die religiöse Poesie der Juden in Spanien in die Welt schickte, und nicht viel besser hatten es Jost, Herzfeld und selbst Graetz bei ihren geschichtlichen Werken. Nein, der Mangel an Vorarbeiten und an Material trägt wahrhaftig nicht die Schuld daran, daß wir noch immer keine Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, der neuhebräischen Dichtung, keine Biographie von Maimonides und, was das