Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5660
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 gleich ist oft gemacht worden, aber um so richtiger und passender: diese Christen, diese entarteten Bekenner der Religion der Liebe, verfahren gegen die Juden genau so wie die chinesischen Boxer gegen die Christen. Die Juden haben freilich weder Kriegsschiffe noch Soldaten mit Schnellfeuerwaffen, um die christlichen Boxer zur gerechten Strafe zu bringen, die ihre chinesischen Geistesgenossen trifft. Es ist nicht die Schuld der Antisemiten, wenn ähnliche Greuel nicht auch nach Ungarn verpflanzt werden. Gewissenlose Hetzer haben bei Debreczin und in St. Endre Ritualmord-Unruhen in Szene zu setzen versucht; die schändlichen Unternehmungen wurden aber mit Strenge unterdrückt. Die „Katholische Volkspartei", die sich in Ungarn offtziell zu Vertretern des gehässigsten Antisemitismus macht, in dem sie ein vorzügliches Mittel zum Hetzen zu finden meint, übertrug die Agitation in das Abgeordnetenhaus. Allein sowohl der Ministerpräsident wie der Kultusminister traten ihren Ausführungen schroff entgegen und sprachen unter dem lebhaften Beifall der großen Mehrheit der Abgeordneten ihren festen Entschluß aus, an den liberalen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Bekenntnisse unerschütterlich sestzuhalten, Grundsätze, die Ungarn blühend und mächtig gemacht hätten. So dürfen wir die Hoffnung hegen, daß Ungarn, so lange dort die liberale Partei am Ruder bleibt — und noch ist keine Befürchtung ihres Sturzes zu hegen —, einen festen Felsen bilden wird, an dem die schmutzigen Wasser des Antisemitismus machtlos abprallen. Ebenso wenig konnte dieser in dem dritten der Dreibundstaaten, in Italien, Platz greifen. Auch hier sind es leider kirchliche Organe, die ihn einzusühren suchen: vergebens. Man darf sagen, daß Italien gegenwärtig dasjenige Land ist, wo es am wenigsten Antisemitismus giebt, zum Theil weil dies alte Kulturvolk für dergleichen barbarische Anwandlungen nicht empfänglich ist, zum Theil auch weil Juden und Italiener im Aeußern und in der Lebhaftigkeit und Beweglichkeit einander vielfach gleichen. Bei den Kammerwahlen wurden nicht weniger als zwölf Juden ins Parlament gesandt — gewiß eine beträchtliche Zahl, da es unter den dreißig Millionen Italienern noch nicht fünfzigtausend Juden