Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5660
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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von Ackerbau- und Handwerkschulen würden wohl die angemessensten und wirksamsten Mittel zur Rettung dieser Hnnderttausende von Unglücklichen sein. Inzwischen setzt der polnische Klerus seinen Krieg gegen das Judenthüm unentwegt fort. Immer von neuem hören wir von minderjährigen jüdischen Mädchen, die ihren Eltern, zum Theil mit offener Gewalt, entzogen werden, um in Klöstern zu verschwinden. Die Liste ist bereits eine recht umfangreiche: Micheline Araten und eine gewisse Goldfinger in Krakau, Rahme Weiß in Wieliczka, Blime Kornreich in Mata, Esther Weiser in Wola, Szalka Sobel in Podgorze, Debora Sattler in Gosprzedowa. Besonders die Felicianerinnen in Krakau betreiben den Mädchenraub geschäftsmäßig. Vergebens riefen die verzweifelnden Eltern die Hilfe der Polizei, der Gerichte, des Statthalters, der Minister an. Alle versagten. Niemand hatte den Muth, der allmächtigen Geistlichkeit gegenüber Recht und Gesetz walten zu lassen. „An den Mauern der Klöster hat die weltliche Macht ein Ende," — diese Bankerotterklärung sprach ein österreichischer Minister offen aus. Wie im tiefsten Mittelalter! Soweit hat es der moderne Rechtsstaat, die moderne (Zivilisation gebracht. Ein anderes schönes Bild wird uns in Böhmen entrollt. In Uebereinstimmung mit der medizinischen Fakultät der tschechischen Universität Prag, die die Möglichkeit eines „Ritualmordes" an dem Opfer der Polnaer Blutthat unbedingt verwarf, hatte der oberste Gerichtshof in Wien die Verurtheilnng des Hülsner durch die Kuttenberger Geschworenen aufgehoben und die Sache an das Schwurgericht in Pisek verwiesen. Allein dieser hat die Verurtheilung abermals ausgesprochen, und zwar in einer Form, die darauf abzielt, Hülsner als Mitschuldigen an einem Ritualmorde zu bezeichnen. So faßte die Sache auch die fanatisirte tschechische Menge auf, die den Ausspruch als einen nationalen Sieg über die Juden feierte. Kein Wunder, daß das Blutmärchen auch sonst in Böhmen grassirt, wie z. B. in Ruchowan und Jungbunzlau. An vielen Orten sind — gerade wie in Westpreußen und Hinterpommern — die Juden ihres Eigenthums und Lebens nicht mehr sicher, wird ihnen die wirthschaftliche Existenz unmöglich gemacht. Der Ver-