Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5660
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Judenthum entfremdet haben und täglich mehr entfremden, Werden von jenen Institutionen gar nicht berührt, weil sie ihnen prinzipiell fern bleiben. Da ist es erfreulich und trostreich zu bemerken, daß die jüdischen Studirenden sich immer mehr zu Vereinen zur Belebung des jüdischen Bewußtseins und zum Schutz und Trutz gegen antisemitische Regungen unter den Kommilitonen zusammenschließen. Man wendet gegen solche Veranstaltungen oft ein, daß sich damit die Juden allzu sehr absondern. Aber diese Absonderung wird ihnen ohnehin von außen auferlegt; und die jüdischen Jünglinge haben vollkommen Recht, sich dagegen nicht der Vereinzelung und Zersplitterung auszusetzen, sondern sich zur Abwehr zu vereinigen und dem antijüdischen Banner das jüdische entgegen zu stellen. Diese Vereinigungen geben uns die Hoffnung, daß es in der neuen Generation besser stehen wird um das deutsche Judenthum. In dem verbündeten und benachbarten Oesterreich ist eine Wendung zum Guten für die dortigen Israeliten leider nicht zu verzeichnen. Die Regierung hat durch den Mund des Ministerpräsidenten v. Korber freilich eine jüdische Abordnung der striktesten Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung versichert; allein zu gleicher Zeit bestätigte sie das neue Statut und die neue Wahlordnung für die Stadtgemeinde Wien, die derart gestaltet sind, daß sie die Herrschaft der „Christlich-Sozialen" Lueger'scher Richtung zu verlängern versprechen. Wirklich erfocht diese bei den Wiener Gemeindewahlen einen vollständigen Sieg, der ihr in der dortigen städtischen Vertretung neuerdings eine erdrückende Mehrheit verschaffte. Etwas günstiger für die Sache der Freiheit fielen die Wahlen in den übrigen niederösterreichischen Städten aus. In Galizien sind glücklicher Weise in diesem Jahre größere Judenverfolgungen, wie in dem letztvergangenen, nicht zu verzeichnen. Sonst bleibt die materielle und intellektuelle Lage der galizischen Juden die gleich traurige, ohne daß große Hoffnung auf eine baldige Besserung vorhanden wäre, da die Uebelstünde allzuties eingewurzelt und allzuweit verbreitet sind, als daß ihnen leicht beizukommen wäre. Ausdehnung des Unterrichts und namentlich Gründung