Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5660
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 herbeiführten. Das verhindert aber nichts daß die Juden in vielen Kreisen der östlichen Provinzen Preußens förmlich geächtet sind, mit Schimpfworten und gelegentlichen Mißhandlungen verfolgt werden, und daß ein Jude, der von irgend einem dunklen Ehrenmanne dort irgend eines Verbrechens angeklagt wird, vor den Geschworenen der Verurtheilung sicher ist. Und dieses Vorurtheil gegen Juden und Judenthum ist nicht auf jene Theile Ostelbiens beschränkt. Es hat alle Welt ergriffen; mit dem verderblichen Motto: „es muß doch ein wahrer Kern darin sein", schenkt ein großer Theil der christlichen Bevölkerung in Deutschland dem Blutmürchen halb und halb Glauben. Wir haben im vorigen Jahrgange dieses Buches (S. 8) warnend auf die stille aber gewaltige Ausdehnung der antisemitischen Gesinnung in Deutschland hingewiesen. Die Saat, die in den jüngst verflossenen Jahren ausgestreut wurde, ist erschreckend aufgegangen. Wenn die deutschen und zumal die preußischen Israeliten auch davon sich nicht bestimmen lassen, mit offenem Visir auf den Kampfplatz zu treten, sondern jeder muthigen Verfechtung ihrer Religion und ihrer Bürgerrechte weiter ausweichen, so werden sie immer tiefer in die Stellung mißachteter Fremdlinge versinken, in die sie schon hineingerathen sind. Und das ist nicht nur eure Gefahr für die einzelnen Juden, sondern auch für das deutsche Judenthum als Ganzes. Die gebildeten Juden fühlen sich nun einmal in ihrer ungeheuren Mehrheit vor allem als Deutsche, die ehrgeizigen Juden wollen auf öffentliche Aemter — besoldete oder Ehrenämter — nicht verzichten. Müssen sie wählen zwischen Dentschthum und Judenthum, zwischen Achtung, Ehrung, Vortheil und Geringschätzung, Hintansetzung, Nachtheil: so werde leider' eine immer wachsende Anzahl die Lüge eines falschen Bekenntnisses nicht scheuen, um auf die nationale Seite überzutreten, die zugleich die weltlich verlockende ist. Wir dächten, daß Niemand solche Befürchtung für eine Chimäre nehmen wird: der täglich zunehmende Abfall unserer gebildetsten und besitzenden Elemente redet eine allzu deutliche Sprache, um mißverstanden zu werden. Es ist hohe Zeit, daß das deutsche Judenthum sich in irgend einer Form zusammenthue, um sich zu kräftigem Widerstande zu organisiren. i*