Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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261 verging noch eine geraume Zeit, eh" sie sich entschließen konnte, wieder nach Borgeln zu gehen. Wiederholt war sie schon von den Bewohnern des Dorfes im Felde angesprochen worden. Warum sie sich denn gar nicht mehr sehen ließe, man habe allerhand für sie liegen, die Frauen entbehrten das nothwendigste Handwerkszeug, alle Kleider seien zerrissen, und an allen Hosen fehlten Knöpfe. Auch die Kinder verlangten nach ihr; den Jungens rutschten die Strümpfe auf die „Holschken" und die Mädchen könnten sich die Haare nicht mehr flechten lassen; es herrsche ein entsetzlicher Mangel an Strumpf- und Haarbändern. Sie solle doch bald wiederkommen, Borgeln bekäme sonst noch einen schlechten Namen. Und sie kam auch wieder. Alle Leute begrüßten sie freudig, und jeder hatte ein freundliches Wort für sie, und die meisten noch ein gutes Geschäft obendrein.. Aber trotzdem wollte ihr nicht wieder froh zu Muthe werden. So oft sie auch wieder ins Dorf kam, sie fand den alten, vertraulichen Ton nicht wieder. Sie half den Frauen nicht mehr bei der Arbeit, sie nahm keinen Säugling mehr auf den Arm, sie scherzte mit keinem Kinde mehr. Kam sie in die Nähe des Dorfteiches, so machte sie einen Umweg, und das Haus ihrer alten Freundin betrat sie niemals wieder. Süll und gebückt schlich sie durch das Dorf, die Augen theilnahmlos zur Erde gerichtet. Nur zuweilen blickte sie zusammenschreckend sich scheu um, als ob sie befürchte, daß irgend ein bissiger Köter sie heimlich anfahren wolle. Ihre Seele war aus dem Gleichgewicht gekommen. . Ihre alte Munterkeit, ihre Zufriedenheit waren dahin. Selbst Rüben und Alex, die über einen jungen Raben längst das Hiselamm vergessen hatten, vermochten die Mutter mit ihrem Endlichen Geplauder nicht mehr recht aufzuheitern. Sie war bisher gewohnt gewesen, die Dinge zu nehmen, wie sie waren, jetzt fing sie an zu sinnen und zu grübeln und nach dem Warum zu fragen. Von dem Eindruck jener Schreckensstunde kam sie nicht mehr los. Wie war es nur möglich gewesen, daß man sie, daß man einen Menschen überhaupt für fähig hielt, ein unschuldig Kind zu morden? Alle Leute im Dorfe kannten sie, und doch hatten ihr Alle so etwas zugetraut. Die Bauern