Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111593--0641-3111897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
260 Lämmchen an der Hand führend, kommt die kleine Stine mitten durch die Dorfstraße herabgegangen. Alle stürzen auf sie zu, um zu hören, durch welches Wunder sie aus den Händen der Juden gerettet sei. Und das Kind erzählt mit weinender Stimme, daß sie ihr Lämmchen nicht habe abgeben wollen, daß sie darum der schwarzen Riwke sortgelausen sei. Laß sie sich aber gefürchtet habe, gestern Abend zu der Mutter zurückzukehren. Da sei sie zu ihrer Tante nach Horne gegangen, und die habe sie heute früh nach Hause geschickt. „Dumme Blage!" ging's von Mund zu Mund. Es klang fast wie ein Vorwurf, daß sich die interessante grausige Vermuthung so einfach auslöse. „Dumme Blage!" Die Mutter aber, die inzwischen auch herangekommen war, umarmte und küßte ihr wiedergefundenes Kind und rief glückselig: „Mine Stine!" Als sie aber hörte, wie sich alles zugetragen hatte, gab sie dem Mädchen eine Ohrfeige, daß es fast umfiel und schrie ihm zu: „Du schlechte Deern du!" Dann gingen die Männer still und schleunigen Schrittes an ihre Arbeit, die Kinder waren bald wieder beim Spiel, und nur die Frauen blieben noch eine Weile beisammen stehen und überlegten in eistigem Gespräch, wie alles hätte kommen können und wie so leicht die arme Stine hätte von den Juden geschlachtet werden können. Am Rande des Dorfteiches lag die schwarze Riwke, ohnmächtig. Zwei mitleidige Mägde hoben sie auf und trugen sie in^das nächste Bauernhaus. IV. Es dauerte einige Wochen, eh? die schwarze Riwke sich von beit Folgen des Schreckens uüd der Mißhandlung an jenem Unglückstage so weit erholt hatte,' daß sie ihrer gewohnten Beschäftigung wieder nachgehen konnte. Eine Untersuchung über den Vorfall war auch eingeleitet worden, verlief aber ergebnißlos. Die Hauptzeugin hatte auf alle Fragen des Richters nur eine Antwort: „Ich weiß von nix." Sei es, daß sie die Angeklagten wirklich schonen wollte, sei es, datz sie sich die gute Kundschaft nicht verderben mochte. Aber es