Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111593--0640-3111896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 Sie nickte. „Na, denn haw wi"t ja! Austern steiht vor de Dör. Un de Juden bruket.Christenblaud vör de Austerkauken. In de Zeitung het et stahn, ick haw't selwer lesen, ick selwer. Da haw wi't." „Nix haw wi, awer en Rappel hefte," schrie die geängstigte Frau und stieß den Sprecher zurück. Da riß ihr der Bursche den Henkelkorb vom Arm und schüttete seinen Inhalt unter die johlende Menge. „Du verfluchte Judenhexe," schrie er dabei, „du ollane hest't in Schuld, du Heft dat arme Wurm daud rabbeinert." „Du bis verrückt!" schrie die schwarze Riwke. „De olle Judenhexe hert dat arme Wurm schlachtet!" scholl es von einer anderen Seite. „Schlaet se daud, schlaet se daud!" brüllte es im Chor und erstickte die Worte der besonnener Denkenden. Sie hielt die Hände schützend vor dem Kopf ausgestreckt und kreischte: „Je sid verrückt, je sid verrückt!" „Schlaet die Judenhexe daud!" Alle drängten aus sie ein, die Weiber voran. Man spie nach ihr, man schlug sie ins Gesicht, man stieß und trat sie. Ihre Haare lösten sich und flogen ihr wirr um die Stirn, die Augen quollen weiß hervor, und das Blut rann aus Nase und Muud. Aber sie wehrte sich doch mit Riesenkraft gegen die Anstürmenden, und den immer wilder werdenden Ruf: „Schlaet se daud!" übergellte ihr fast mechanisch wiederholter Schrei: „Je sid verrückt, je sid verrückt!" „Schmiet se in't Water!" erscholl da eine neue Losung. Und im Nu hatten ein Dutzend Fäuste sie gepackt, und schoben, stießen und zerrten sie nach dem Dorfteich hin. „Schma Jisroel!" stöhnte sie qualvoll heraus, und weiter drang kein Laut mehr über ihre Lippen. Schon war man an dem Teich angelangt, unwillkürlich entsteht eine Stockung, da ruft eine helle Knabenstimme: „Menken Stine is wäer da! Menken Stine is wäer da!" Das Gejohl und Getobe verstummt sofort. Alle schauen sich um. Und wirklich, langsam, mit zögerndem Schritt, ihr 17*