Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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258 suchen wollte. Als sie zurückkehrte, waren Kind und Lamm nicht mehr da. Da nahm sie als selbstverständlich an,, daß die Kleine, die den Weg schon oft mit ihr gegangen war, vorausgeeilt sei. Sollte sie sich nun doch trotz ihrer zehn Jahre noch verlaufen haben, oder war sie mit dem Zicklein wieder nach Hause gegangen? Wie wahrscheinlich ihr das auch deuchte, so machte sie sich doch am anderen Morgen in aller Frühe auf den Weg und ging stracks nach Borgeln hin, um sich Gewißheit zu holen. Stines Mutter, die schon wartend vor der Hausthür stand, war erstaunt, erschrocken, als sie die schwarze Riwke ohne ihr Kind ankommen sah. Sie hatte fest geglaubt, daß die Händlerin es über Nacht bei sich behalten hätte. Wo war es nun geblieben? Wenn es in der kalten Märznacht im Freien übernachten mußte, konnte es wohl erfroren sein. Die schwarze Riwke hätte auch besser auf das Kind passen sollen. Es war wohl erfroren, todt. Ihr gutes Kind, ihr einziges, ihre Stine todt! Und sie weinte und schrie so laut, daß die Nachbarn herbeieilten, und die des Weges Gehenden stehen blieben. Ein Haufen Neugieriger stand bald um die Beiden. „Wat is los? Wat is passiert?" „Menken Stine is fort." „De schwarte Riwke hert't gestern mitnumen." „Menken Stine is daud." „Tat Judenwiev hert dat Kind op n Gewitten." Die Beschuldigte stand sprachlos da, weniger aus Verwirrung über die so plötzlich erhobene Anklage, als in dem Gefühl, daß sie vielleicht die Verantwortung trage, wenn dem Kinde ein Unglück zugestoßen sei. Ihr Schweigen nahm man für ein Eingeständniß ihrer Schuld. „Dat Judenwiev! dat Judenwiev!" erscholl es immer drohender. Die Umstehenden drängten sich dichter an sie heran. Ein stämmiger rothhaariger Bursche ließ die Hand wuchtig aus ihre Schulter fallen. „Is din Mann net Schlachter?"