Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Kinde der Bäuerin, gewesen.' Und es war der betrübten Mutter ein schmerzliches Bedürfnis, die Kleine, mit der ihr Liebling noch wenige Tage vor seinem Tode gespielt hatre, recht oft wiederzusehen. Bei der Menkenmutter pflegte sie auch die Hauptmahlzeit des Tages einzunehmen: Kaffee und Butterbrot, zuweilen auch, wenn das Geschäft gut gewesen war, ein oder zwei Eier dazu. Ihr eigener Haushalt mußte natürlich unter ihrerGeschäftsthätigkeit leiden. In ihren Stuben, die zuweilen auch als Lager für Lumpen und Felle dienten, sah es nicht sonderlich sauber aus, und die Kinder liefen oft schmutzig und zerlumpt umher. Ihr Mann, in dem ein Stück Gelehrter steckte, war zuftieden, wenn er irgend ein Buch zum Lesen auftreiben konnte, und bekümmerte sich nicht viel um sie. Kam sie spät abends nach Hause, dann lagen die Kleinen gewöhnlich schon im Bett, und sie selber war so müde, daß sie nichts mehr für sie thun konnte. „Es ist 'ne wahre Schand', wie die Kinder aussehen," pflegten die anderen Frauen in der Gemeinde oft zu sagen. Sie alle blickten mit Geringschätzung auf sie, und nicht eine dachte daran, daß es doch etwas Großes sei, wie die arme Frau sich plage, um Mann und Kinder ehrlich zu ernähren, nicht eine von allen, am allerwenigsten aber die schwarze Riwke selber. III. Die beiden Kinder erlebten bei ihrer Heimkehr eine große Enttäuschung. Das Lamm war noch nicht da, und wie sie auch warteten und alle Augenblick aus die Straße hinausspähten, es kam nicht. Mit Thränen im Auge gingen sie schlafen, und nur das Trostwort der Mutter: „Morgen kommt's gewiß," ließ sie nicht an dem Fortbestand der Welt verzweifeln und beruhigte sie einigermaßen. Aber die schwarze Riwke selber war nicht ruhig. Was mochte der Stine geschehen sein, daß sie mit dem Lamm nicht gekommen war? Sie hatte sie mitgenommen, weil sich das Kind von dem Lämmchen, das es selber aufgezogen hatte, nur schwer trennen konnte. Unterwegs hatte sie das Mädchen beim Wirthshaus „Zum letzten Heller" warten lassen, während sie noch einzelne alleinstehende Gehöfte in der Nachbarschaft bell