Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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255 „Kinders, wie kommt ihr denn hierher? Weiß der Papa davon?" „Nein, Mama," versicherte Rüben stolz, „wir haben den Weg ganz allein gefunden. Wo is denn das Hiselamm?" und er lugte forschend in den Korb, den sie am Arme trug. „So ihr Nixnutze, das wolltet ihr holen, und Papa is nu in Angst um euch. Und ihr hättet euch verlausen können, und hättet in's Wasser fallen können, ihr schlechten Jungens." Und sie bückte sich zu ihnen nieder und küßte sie. „Wo is das Hiselamm denn?" fragten sie beide wieder. „Das is schon längst hier vorbeigekommen. Menken Stine bringt es euch. Sie ist schon vorausgegangen. Habt ihr sie denn nicht gesehen?" „Nein, Mama." „Dann ist sie schon lange bei uns. Seht ihr wohl, wäret ihr artig zu Haus geblieben, dann hättet ihr es jetzt schon, ihr Nixnutze." „Mama mach rasch," drängte Rüben und zerrte an dem Korb. Der Kleine aber streckte die Händchen in die Höhe und bat: „Mame, ich bin so müde!" Und die Mutter, die einen Pack Felle auf dem Rücken schleppte und den schweren Korb trug, hob ihren Jüngsten ohne weiteres auf, ließ den Aeltesten, der sich an ihrem Rock festhielt, zur Seite trippeln und schritt, eine fröhliche Weise pfeifend, ihrem Heim zu. H. Die schwarze Riwke war in der kleinen jüdischen Gemeinde, der sie angehörte, wenig beliebt und noch weniger geachtet. „Hühner, die krähen, und Weibsleut, die flöten, taugen nicht viel," pflegte man von ihr zu sagen. Und sie flötete gern und machte Geschäfte trotz einem Mann. In den ersten Jahren ihrer Ehe war auch ihre Thätigkeit nur auf das Haus beschränkt gewesen. Als ihr Mann aber von einem Pferd vor das Knie geschlagen wurde und sein linkes Bein in einer langwierigen Krankheit vollständig erlahmte, so daß er auf Krücken gehen muffte, da besann sie sich nicht lange, was zu thun sei. Die Kinder mußten zu