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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Die schwarze Riwke
Date
1899-01-01
Page
Seite 254 (sequence 3)
Language
German
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254 ob die Mutter bald zurückkäme. Fürsorglich hatten sie schon Gras geholt und in das kleine Kämmerchen gestreut, das zur Wohnung des Zickleins bestimmt war. Aber der Tag war so lang, und das Hiselamm wollte noch immer nicht kommen. Da hatte sie denn nach dem Mittagessen ihre Sehnsucht hinausgetrieben, erst in den Heckenweg zwischen den vertrauten Gärten, dann in das einsame Feld, dann weiter über die geländerlose Ammerbrücke, über die eigentlich Kinder nicht allein gehen sollten, und endlich den hohen Osterberg hinauf. Vor jeder Strecke hatten sie Rast gemacht und gewartet, und nun waren sie oben aus dem Berg und getrauten sich nicht weiter. Die Welt war doch größer, als sie gedacht hatten, und die Mutter wollte noch immer nicht kommen. Sie warteten und warteten. Längst hatten sie sich trotz der Warnung des Bauers wieder auf die Erde gesetzt. Es fror sie in ihren dünnen Kittelchen in der herben Märzluft. Auch der Hunger stellte sich ein, und sie fingen an zu verzagen. „Mame tommt nich, nach Haus gehen!" wimmerte der kleine Alex. „Mama muß kommen," tröstete Rüben; aber auch seine Stimme durchklang schon ein leises Bangen. „Ich will Bot haben," Hub der Kleine nach einer Weile wieder an und begann zu weinen. „Ich bin so hungerig." „Ich auch Lexe," stimmte Rüben ein, und gerührt über das eigene Leid, weinte er mit. Da saßen sie nun beide, den Kops zur Erde geneigt, und schluchzten bitterlich. Das Weinen wurde leiser und leiser, die Aeuglein wollten ihnen schon zufallen, als eine Stimme vom Wege her rief: „Kinders, Kinders, was is passiert?" Jedes andre Kind würde sich entsetzt haben, hätte es die rauhe Stimme gehört und die lange hagere Frau gesehen, die mit ihren rothgeründerten Augen, dem struppigen schwarzen Haar, den harten knochigen Zügen so sehr an die Schreckgestalt des Märchens erinnerte. Aber die beiden Kinder sprangen glückselig in die Höhe, rannten auf die häßliche Frau zu, umschlangen ihre Kniee und schluchzten und jubelten: „Mame, Mama!"

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