Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 2)
- Language
- German
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253 Lexe, jeden Tag hüten wir's in Wessels Tweete, und dann nehmen wir'n großen Korb mit. Da is ganz langes Gras, so lang," und er zeigte die volle Länge seines Aermchens, „das holen wir. Un dann bauen wir n Stall hinter unserm Haus un ne Scheune, un dann —" Ein Peitschenknall ertönte. Ein Bauer fuhr mit seinem Wagen vorüber, um Saatkorn in's Feld zu bringen. „Blagentüg, wat makt je da? Np de füchte Eer sitten in de Märztid? Wöl je wull na Huus!" Und er drohte ihnen mit der Peitsche. „Dat sind de schwarte Riwke ehre," bemerkte der Knecht, „de könnt ’t verdrägen." „Deut nix. Wöl je wul na Huus!" „Wir wollen unsre Mama abholen," entgegnete Rüben in weinerlichem Ton, während der Bruder sich an ihn schmiegte. „Na, dann staht up und makt je net krank und verdarwet ju dat Teug net. De Meume hert't nich so dicke; de mut sick genaug plagen." Die Kinder gehorchten und der Bauer fuhr von dannen. In bangem Schweigen sahen die Knaben ihm nach; aber kaum war er einige Schritte von chnen entfernt, da kehrte ihr frohes Selbstgefühl wieder. „Der olle dicke Hiwwelmeier!" rief Rüben halblaut in verächtlichem Tone. „Un wenn ich erst groß bin, dann kaufe ich mir auch en Wagen und zwei Pferde, und dann holen wir das Gras für Hiselamm immer aufn Wagen." Seit Wochen war das Hiselamm der einzige Gedanke der Kinder. Nach langem Bitten und Quälen hatte die Mutter versprochen, ihnen ein Ziegenlamm mitzubringen, das schon fressen könnte und das sie nicht schlachten wollte. Sie sollten es ganz allein für sich haben. Seit der Zeit hofften die Kinder von Tag zu Tag auf die Erfüllung des Versprechens, als ob ihr ganzes Dasein durch den neuen Lebens- und Spielgenossen ein völlig andres werden müßte. Alle frühern Wünsche und Interessen waren zurückgetreten. Sie lebten nur noch für das Hiselamm. Und heute sollte es ankommen. Von früher Morgenstunde an hatten sie den Vater geftagt.