Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111592--0630-3111887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 250 — Jammer der Anderen läßt mich nicht ruhen, er ist mir zu eigenem Leide erwachsen." Eduard war inzwischen ins Zimmer gekommen, so daß er die letzten Worte gehört hatte. „Ja, mein Gott, wir alle kennen ja das große Elend in der Welt, deswegen darf man nicht verzweifeln!" warf er ein. Inzwischen waren die beiden alten Frauen eingetreten. Frau Ehrenstein in voller Reisekleidung. Sie wurde von Frau Seeliger zum Thee genöthigt. Das Gespräch war leise weiter geführt worden, dann wurde es immer lauter. „Ich verzweifle nicht an der Menschheit, wohl aber an der Zukunst meines Stammes, den ich liebe und den ich wieder erheben will." „Aber das grenzt ja an eine fixe Idee!" rief Eduard entsetzt. „Ja," entgegnete Robert melancholisch, „mag fein. Ich bin von dieser Idee durchans erfüllt." „Aber Sie werden keinen Dank ernten für Ihre Absichten", meinte Frau Ehrenstein ohne jede Ironie. „Nein." „Man wird Sie verlachen." //Ja." „Und das alles wegen solcher Idee!" Sie sah ihn voll wirklichen Mitleids an. Martha stand noch immer am Fenster, um ihre Thränen zu verbergen. Sie hörte wie durch eine Wand, was gesprochen wurde. Sie fühlte nur das Eine, daß jetzt etwas Schönes, Großes aus ihrem Leben schwinde und daß sie nicht die Kraft besitze, es zu halten. Nun sprach Robert: „Es lebte in Warschau ein armer Judenknabe, Namens Gottlieb. Dem hatte die Natur die Gabe verliehen, zu sehen und das Geschaute nachzubilden. Da er arm war, mußte er hungernd durchs Leben gehen, aber in Hunger und Entbehrung erhob ihn der eine Gedanke: sein Volk so in Farbe nachzubilden und zu verherrlichen, wie er es geschaut. Als seine bildnerische Kraft gewachsen war, malte er die Synagoge in seiner Heimath am großen Tage der Versöhnung. Er legte