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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 216

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Maskir
Date
1899-01-01
Page
Seite 216 (sequence 13)
Language
German
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216 Schluchzen hörbar geworden, da war es auch schon von einem Winseln übertönt, von einem Klagelaut, der nichts Menschliches hatte. „Der große Gaon, Rabbi Salomon Jehuda, der Gerechte, unser Lehrer, das Haupt unserer heiligen Gemeinde-—“ Bisher hatte Niemand in der Synagoge der Vorlesung besonders geachtet, das war das dürre Holz der Vergangenheit. Aber nun kam die Geschichte dieses Jahrhunderts an die Reihe, die todten Worte trafen das Herz der Lebenden. Wie war doch die Geschichte des Rabbi Jehuda?- Sein Sohn hatte sich, durch Peter Beer angeregt, dem Studium der deutschen Sprache gewidmet. Es war ein hochbegabter Mensch, der mit scharfem Verstände den Talmud und die Com-, mentatoren durchforscht hatte und dessen reger Geist nach neuer' Nahrung suchte, dessen Kräfte Entfaltung forderten, die der enge Kreis der Lehre ihm nicht bot. Vergebens wies chn der Vater zurecht, vergebens suchte er ihn in der „alleinseligmachenden" Lehre zu erhalten, ihm zu beweisen, daß alles Heil, alle Kraft im Worte Gottes liege. Immer wieder wies er auf den Psalmvers, der heute beim Maskir recitirt worden war: „Wer aus dem Bach auf dem Wege trinken muß. Darf er darob stolz sein Haupt erheben?" Die Gotteslehre war ihm die reine Quelle, das übrige Wissen blos der Bach am Wege. Un sein Sohn verließ die Jeschiwa als Talmudschüler! Zu Fuß zog er nach Berlin, wo er sich eifrig dem Studium moderner Wissenschaften widmete. Nach Jahr und Tag saß Rabbi Salomon Jehuda auf einem Sack voll Asche und zerriß seine Kleider. Seine Frau mußte sich neben ihn setzen und die Gemeinde kam, Mann für Mann, wortlos in das Zimmer, ohne Gruß, sowie dies bei Trauerbesuchen Sitte ist; und ohne Gruß gingen die Besucher wieder fort, nachdem sie von Thora und Talmud, von Gotteslehre und Gemeindewesen gesprochen hatten. Von dem Sohne, der zum Christenthume übergetreten war, der Vater und Mutter und die Heimat verleugnet hatte, sprachen sie nicht. — Jahre später erzählte man, „er" sei damals wirklich gestorben, getödtet durch des großen Vaters kabbalistischen Fluch.

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