Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111592--0587-3111844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
207 Jacob Singer hatte bemerkt, welches Aufsehen seine Berufung zur Thora erregte. Es summte in der Synagoge wie in einem Bienenstock, er jedoch heuchelte Gleichgültigkeit und ging sicheren Schrittes hinauf zum Almemor*), wo er leise den ersten Segensspruch recitirte: „Gelobt seist Du, ewiger Gott, König der Welten, der Du uns auserwählt von allen Völkern, indem Du uns die Thora gabst!" Inzwischen hatte sich der Tempel zur Hälfte geleert, alle, denen Vater und Mutter lebten, entfernten sich .— so wollte es der Ortsbrauch beim Maskir, dem Seelengebet. Die Thore der Synagoge wurden dann geschlossen. Bevor der Tempeldiener jedoch die Thüre anlehnte, erblickte er zwei junge Leute, von denen er nicht wußte, ob sie bleiben oder gehen wollten. Der Eine, schlank, mit einem wohlgepflegten, blonden Bart schien dem kleineren, kräftigen Manne zuzureden. Sie kehrten zurück und ließen sich in der letzten Bank nieder. „Mich widert dieser formlose Gottesdienst an, dieses Ausbieten der Funktionen. Rechts neben mir verhandelt der Mann, den Du mir als Schülvorsteher vorgestellt hast, mit seinem Nachbar über die Cultussteuer, die dieser viel zu hoch findet. Hinter mir flüstert ihm ein anderer Herr zu, er möge vierzig Prozent als Ausgleich für seine Schuld nehmen. Ringsumher ein Surren und Plaudern, und dann dieser schauderhafte Dialekt! Nein, lieber Roberts hier bekommst Du mich nicht wieder hinein! Ich bin froh, daß ich dem Ghetto entronnen bin!" Der Schlanke neigte sein Haupt ruhig zur Seite. Die Augen waren, wie im stillen Sinnen, halb geschlossen. Ohne merkliche Erregung, aber fest und bestimmt, mit einer Geste, die keinen Widerspruch duldete, griff er nach der Hand des Anderen. „Nein, lieber Eduard, dieser Vormittag gehört mir! Warte!" Diese Worte mußte er, um gehört zu werden, sehr laut sprechen, denn der große, helle Raum war plötzlich mit dumpfen Rufen und geräuschvollem Schluchzen erfüllt. Der rothe Singer *) Erhöhung in der Synagoge, gegen Osten gelegen, auf der manche Funktion, wie das Vorlesen der Thora stattfindet.