Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Maskir
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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208 lag über die Thora gebeugt und hielt ein Tuch vor dem Gesichte. Von der Frauengallerie herunter klangen im wirren Chor gebrochene Worte, die hebräischen Formeln des Maskir, der Todtenfeier. Ein jeder gedachte seiner todten Lieben mit Namen und Muttersnamen, der Eltern, der Großeltern, der verstorbenen Geschwister, der Onkel und Tanten. Jene, die ihrem Herrgott eine längere Liste zu empfehlen hatten, murmelten und schluchzten noch immer, während die Anderen nach und nach zur Ruhe gekommen waren und sich mit geröteten Augen auf ihre Sitze niederließen. Noch ein letztes Weinen, ein Aufzucken tief empfundenen Schmerzes, ein Räuspern und Husten, dann dumpfe Stille. — In klagenden Molltönen erhob sich, von seltsamen Tonfolgen verbrämt, die Stimme des Kantors: „Mögest Du, Vater der Barmherzigkeit, der Redlichen und Schuldlosen erbarmungsvoll gedenken, sowie der ganzen Gemeinden, die für die Heilighaltung Deines göttlichen Namens chr Leben hingegeben haben. Schneller als Adler, stärker als Löwen waren sie, wo es galt, den Willen ihres Schöpfers zu vollziehen. Und er wird das vergossene Blut seiner Knechte rächen; er hält Gericht unter den Völkern, häuft Leichen, zerschmettert die Häupter in weiten Landen! — Wer aus dem Bach am Wege trinken muß, kann der darob stolz das Haupt erheben?" Das Gebet war zu Ende. Der Tempeldiener reichte dem Kantor einen großen Folianten, dessen Aeußeres Jahrhunderte seiner Existenz verriet. Ein leises Flüstern erhob sich wieder im Raume: „Das Memorbuch". Robert beugte sich zu Eduard herab. „Das ist die große Todtenliste, die einmal im Jahre gelesen wird; sie enthält die Namen vieler Märtyrer, die im großen Kampfe der europäischen Völker gegen die Juden gefallen sind. Von manchen weiß man nur das Datum und den Ort, wo sie erlagen, während die Namen verschollen sind; von vielen Tausenden sind sie erhalten geblieben". „Wer hört etwas von jüdischer Geschichte? Man lernt in der Jugend etwas vom alten Testament, weil dies üblich ist oder von der Staatsbehörde verlangt wird, aber die Geschichte der Juden unter den Völkern, das, was sie in den letzten