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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 205

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Maskir
Date
1899-01-01
Page
Seite 205 (sequence 2)
Language
German
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205 diener zugewinkt. Dieser nahm hierauf eine mit Weißen Blättern besteckte Tafel herab, die er hoch in der Hand gehalten hatte. Ein Theil der Blätter war mit hebräischen Worten beschrieben, ein anderer mit Ziffern. Es war ein stilles Bieten für die Ehre, beim Vorlesen eines Bibelabschnittes an der Thora assistiren zu dürfen. Nochmals hielt der Tempeldiener die Tafel hoch, wartete eine Weile und zog dann stille an allen Bänken vorbei; Niemand bot mehr, auch „Maftir" war verkauft. „Wem sind Sie's mechabed, Herr Baruch?" „Meinem Nachbar, dem rochen Singer geb' ich die Ehr'!" Das war Baruchs Rache für die Zumuthung, im Tenchel Geschäfte zu machen. Er wußte, daß die jungen Leute nicht gern zur Thora aufgerufen wurden, besonders zu „Maftir" nicht, denn zu diesem Abschnitt aus den Propheten, der immer der Vorlesung aus der Thora folgt, werden viele Segenssprüche laut und mit besonderer Betonung recitirt. Die jungen Herren waren aber alle Ignoranten, das heißt, sie verstanden das Geschäft sehr gut und führten das Wort wie Feuer und Schwert, aber an der Thora blamirten sie sich stets, insbesondere beim „Maftir". Jacob Singer war verblüfft, als chm die Botschaft der besonderen Ehre wurde, die er seinem Nachbar verdankte. Im ganzen Tempel lächelte man über Roth-Singer, der heute zur Strafe „Maftir" -„aufgerufen" werden soll. „Er kann keine Broche sagen." „Er is ja e so gescheidt, soll er sie noch schnell lernen. . ." „Aus Spaß soll man Niemand aufrusen lassen ..." „Heut' is ka Tag zu Spasetteln, heut' is Maskir!" „No, no, vielleicht, wenn sich Kobele an sei' Mutter erinnert, giebt er was her für die Chewres, sonst is e so ka Kreuzer aus ihm herauszukriegen!" Auch auf der Frauengalerie wurde das kleine Ereigniß besprochen. Frau Rothhauser lächelte verlegen. „Das sind doch längst überlebte Formen," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu. „Wenn die jungen Leute nur chr Geschäft gut verstehen, das ist die Hauptsache heutzutage."

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