Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Aus Salomon Munk's nachgelassenen Briefen
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 51)
- Language
- German
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198 Du die Journalfabrik hättest kennen lernen, wie ich, so würde Dir auch wenig daran liegen. — Mein Aufenthalt in Rom war nur kurz, aber reich an Eindrücken mancher Art. Ich verlasse diese Stadt morgen Abend, um Sonntag, den 29., mit dem Dampfbote von Civitavecchia nach Marseille abzureisen. Bekanntschaften habe ich hier nur sehr wenige gemacht; ich benutzte die kurze Zeit lieber, um des Sehenswerthen so viel als möglich in Augenschein zu nehmen. Doch -habe ich nicht ermangelt, den als Sprachkenner berühmten Cardinal Mezzofanti zu besuchen. Dieser Mann hat nie den römischen Staat verlassen, und doch spricht er unzählige Sprachen geläufig und ohne fremdartigen Accent. Mit mir sprach er hebräisch, deutsch, arabisch und persisch; als ich ihm sagte, daß ich aus Schlesien sey, so fing er an polnisch zu sprechen, wovon ich aber leider nichts verstand. Dieses Sprachgenie ist etwas Außerordentliches und Unbegreifliches; doch beschränkt sich der merkwürdige Mann auf das bloße Sprechen, die Litteratur der verschiednen Sprachen scheint ihm minder geläufig. . . . 36. An die Schwester Charlotte Danziger. Paris, den 22. Mai 1844. Meine theure Schwester! Wo soll ich Worte finden für den namenlosen Schmerz, der in meinem Innern tobt? Noch vor wenigen Tagen gab ich mich der Hoffnung hin, der Himmel würde bald den sehnlichsten und inbrünstigsten meiner Wünsche erfüllen, und würde es mir vergönnen, meine vielgeliebte Mutter nach jahrelanger Trennung in meine Arme zu schließen. Noch vor wenigen Tagen beglückte mich ihr Schreiben, welches mir ihre mütterlichen Wünsche überbrachte, und plötzlich folgt die schreckensvolle Kunde, daß sie nicht mehr ist! — Der Gedanke an ihre nie befriedigte Sehnsucht, das Bild ihres Kummers zerreißt mir das Herz. Trostlos verweilt mein Geist bei ihrem Lager in der letzten Stunde. Hätte der Himmel mir wenigstens das Glück gewährt, ihre letzten Tage zu erheitern; hätte wenigstens ihr sterbendes Auge noch einen letzten liebenden Blick auf mich werfen können, so würde ich darin einige Linderung für meinen Schmerz gefunden haben. So aber giebt es keinen Trost für mich. Das Bild meiner in der fernen Heimath sterbenden Mutter wird immer vor meinem Geiste schweben, und auch wenn Jahre hingehen, und der Himmel an anderen mir theuren Personen seine Vaterhuld bewährt, so wird, ich fühle es, keine ungemischte Freude mein Herz erheitern, denn der Gram, welcher in der Tiefe meiner Seele wurzelt, wird auch die heitersten Bilder der Gegenwart durch einen Schattenzug trüber Erinnerung