Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Aus Salomon Munk's nachgelassenen Briefen
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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190 worden ift, doch ist der Pascha persönlich den Juden nicht ungünstig, und wir hoffen auf seine vielgepriesene Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe. ... 29. An die Mutter. Alexandrien, den 16. August 1840. Theuerste Mutter! . . . Am sechsten abends hatten wir eine Audienz beim Vicekönig oder Pascha von Aegypten, welcher uns sehr freundlich aufnahm. Die Unterredung dauerte nur einige Minuten, der Pascha sagte uns, daß er eben im Begriff sey auf 8 Tage zu verreisen, und nach seiner Rückkehr wolle er uns über unsre Angelegenheit Bescheid geben. Wir hatten also Zeit uns hier umzusehen, und sowohl die Stadt, als ihre Einwohner näher kennen zu lernen. Am meisten verkehrten wir natürlich mit den Juden. Wenn schon das unsichtbare Band, welches die Juden aller Länder brüderlich mit einander verbindet, dem aus der Ferne gekommnen Glaubensgenossen eine brüderliche Aufnahme sichert, um wieviel mehr mußte das bei uns der Fall seyn, die wir eine so weite Reise unternommen haben, um die Sache des Judenthums gegen seine Verfolger zu vertreten. In den drei hier existirenden Synagogen, wovon eine den europäischen und zwei den arabischen Juden gehören, wurden wir feierlich bewillkommnet, und es wurden für den glücklichen Erfolg unsrer Bestrebungen besondere Gebete abgehalten. Im Allgemeinen stehen die hiesigen Juden auf einer sehr niedrigen Stufe geistiger Bildung, selbst die rabbinische Gelehrsamkeit ist höchst selten anzutreffen. Die Frauen sind ganz verwahrlost und können nicht einmal die Gebete lesen. Der Rabbiner, ein sehr geistreicher und gelehrter Mann, mit dem ich mich sehr befreundet habe, machte mir selbst ein sehr trauriges Gemälde von dem geistigen Standpunkte seiner Gemeinde. Es ist dies die Folge der Bedrückung und der Verachtung, unter welcher unsre Glaubensbrüder im Orient leben, und zu ihrer Veredlung müßte der Antrieb von Europa ausgehen. Man wird von diesen Umständen um so schmerzlicher berührt, wenn man sich erinnert, welche glänzende Rolle vor alten Zeiten die Juden in dieser Stadt spielten. Aber auch die Stadt selbst bietet nicht die geringste Spur mehr dar von all dem Glanze, in welchem sie ehemals geprangt; nur die weit umher sich ausdehnenden Schutthaufen bezeugen dem Reisenden ihre ehemalige Größe. .. . Vorgestern Abend ist der Vicekönig zurückgekehrt. Montefiore und Cremieux begaben sich gestern zu ihm, und obgleich die hier eingetroffnen politischen Nachrichten ihn jetzt ganz in Anspruch