Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Aus Salomon Munk's nachgelassenen Briefen
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 166 — auf's Land gezogen sei, und glaubte sogar, es sei besser davon zu schweigen, da ich wohl weiß, daß Deine Phantasie den kleinsten und unbedeutendsten Schritt, den ich hier thue, zu einem wichtigen Ereignis erhebt, aus dem allerlei Folgen gezogen werden können, und hätte ich Dir auch der Wahrheit gemäß betheuert, daß ich, bloß um mich zu amüsiren, auf einige Wochen Paris verlassen habe, so würdest Du doch wenigstens gefragt haben, ob ich denn in einem Bauernhäuschen auch die Bequemlichkeiten genieße, die ich mir in Paris verschaffen kann. Da Du nun aber einmal von der Sache unterrichtet bist, so muß ich schon in einige Details eingehen; der Aufenthalt in der geräuschvollen Hauptstadt ist keineswegs so angenehm, als daß deren Bewohner nicht von Zeit zu Zeit wünschen sollten, sie mit einem der umliegenden Dörfer zu vertauschen, welche, meistens auf Anhöhen gelegen, eine reine, gesunde Luft und dem Auge die reizendsten Aussichten darbieten. Je mehr sich mein Aufenthalt in Paris verlängerte, desto reger wurde der Wunsch in mir, diese Stadt auf einige Zeit zu verlassen, und schon im vorigen Sommer hatte ich die Absicht, eine Reise zu machen oder doch wenigstens eine Wohnung außerhalb der Stadtmauer zu wählen. Meine Verhältnisse aber erlaubten wir keines von beiden, ich mußte abends einige Stunden geben, und nach Beendigung meiner Geschäfte wäre es zu spät geworden, nach meiner Landwohnung zurückzukehren. Diesen Sommer aber sind fast alle meine Schüler auf Reisen, statt des Unterrichts bin ich nur mit einigen schriftlichen Arbeiten beschäftigt, welche mir theils von hiesigen, theils von deutschen Gelehrten aufgetragen sind. Diese Arbeiten find nicht minder einträglich als die Stunden, sie haben aber dabei den Vortheil, daß ich dabei ruhig in meiner Wohnung bleiben kann, uud da ich die Erlaubnis habe, sowohl Handschriften als gedruckte Bücher aus der königl. Bibliothek zu entlehnen, so zwingt mich nichts, die Sommermonate in der Stadt zuzubringen, und ich habe daher einen längstgehegten Wunsch zu reälisiren gesucht. Was die Nahrung betrifft, so muß ich mich freilich mit einer frugalen ländlichen Kost begnügen, aber die herrliche Luft und die häufigen Spaziergänge in einer der gesundesten und reizendsten Gegenden sind der Gesundheit zuträglicher als die beste Kost. Uebrigens gehe ich zweimal wöchentlich, um in einer Prrvatschule Unterricht zu ertheilen, nach Paris, wo ich dann gewöhnlich einen halben Tag bleibe und bei meinen alten Wirthsleuten speise. Der einzige Grund, warum ich Paris verlassen, war demnach der, mir einen Genuß zu verschaffen, den ich seit langer Zeit entbehren mußte, und auf einige Zeit die unreinlichen Straßen der ewig mit Nebel umzogenen Stadt mit einer der herrlichsten Landwohnungen zu vertauschen; auch befinde ich mich jetzt wohler als je zuvor.