Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Anan, der Stifter der karäischen Secte
Date
1899-01-01
Page
Seite 112 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3111067-3111070-3111589--0489-3111749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 112 — fahrungsreichen, in religiösen Streitigkeiten ergrauten Abu- Hanifa aufs glänzendste bewährt. Zugleich mit der Befreiung war dem An an die Pflicht auferlegt, mit dem rabbinischen Judenchum öffentlich zu brechen und eine selbstständige Religionssekte zu bilden. Wenn früher, solange er auf das Amt eines Exilsfürsten aspirirte, chm gewisse Rücksichten auf die traditionelle Religionspraxis geboten waren, und er sich mit Heinrich IV. von Frankreich sagen mußte: „Das Exilarchat ist eines Synagogengebetes werth" — so waren jetzt diese Rücksichten vollends geschwunden und der öffentliche Bruch mit der Synagoge unvermeidlich. Nach allem, was wir von An an wissen, war er kein origineller Kopf; neue Lehrmethoden und religiöse Doktrinen zu schaffen War er nicht im Stande. Das einzige, was in den gegebenen Verhältnissen für ihn obligat war, war die Abweichung vom historischen Judenthum. Uebrigens, da seine Anhänger zum großen Theil aus früheren antirabbinischen Sektirern bestand, so war es für den neuen Häresiarchen ein Gebot der praktischen Vernunft, von jenen alten Sekten verschiedene Elemente aufzunehmen. Wieder andere entlehnte er aus den im Talmud zwar erwähnten älteren Lehrmeinungen, die aber nicht als Gesetzesnorm für die religiöse Praxis anerkannt wurden. Als Werkzeug zur Begründung religiöser Gesetze bediente sich An an zwar der exegetischen nomokanonischen Regeln (Midot) des Rabbi Jsmael, nur verfuhr er dabei ganz willkürlich und trieb diese Regeln oft ad absurdum, besonders aber die Regel der Wortanalogie (Geseraschawa), sowie auch die Regel der Sachanalogie (Ma muzunuh, Hekisch). Schon oben wurde bemerkt, daß Abu Hanifa auf Anan großen Einfluß ausübte; wir wollen nun diesen..Einfluß näher betrachten. Die Ansicht Abu-Hanifas. von der Bedeutung der religiösen Tradition im Islam im allgemeinen charakterisirt sein folgender Spruch: „Was die Dinge anbetrifft, die wir von Gott und seinem Propheten (Mohamed) empfangen haben, so nehmen wir sie an mit unbedingter und gänzlicher Unterwerfung; was die Sprüche und Meinungen anbelangt, welche den Genossen und Gesellschaftern des Propheten (A sh ab) gehören, so wählen wir daraus das beste; alles aber, was die übrigen Lehrer, die jenen gefolgt sind, uns hinterlaffen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.