Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Anan, der Stifter der karäischen Secte
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
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— 111 — entgegengesetzt ist, und dies zur Basis einer neuen Glaubenssekte machen. Nachher sollen er und seine Anhänger durch Geschenke und Bestechung des Veziers sich die Gegenwart des Chalifen wahrend seines Verhörs verschaffen, was bei wichtigen Prozessen öfters vorzukommen pflegte. Wenn nun dies erreicht sein wird (so rieth Abu-Hanifa), möchte sich Anan vor dem Chalifen zu Boden werfen und ausrufen: „O Herrscher der Gläubigen!, hast Du meinem jüngeren Bruder das Oberamt über eine Konfession oder über zwei anvertraut?" Da doch der Chalis gewiß antworten wird, nur über eine, so solle Anan erklären, daß seine Glaubenslehre von der seines Bruders ganz verschieden sei, wobei es aber nothwendig sei, daß die Partei Anans sich für seine Deutungen der Thora erkläre. Das letztere war für Anan ein leichtes, da der größte Theil seiner Partei, wie oben bereits angedeutet, aus antirabbinischen Elementen (aus Ueberresten der Sadduzäer, Jsowiten, Judganiten u. s. w.) bestand. Denen von seinen Anhängern, die noch nicht offen und nicht ganz mit der rabbinischen Lehre gebrochen haben, soll Anan erklärt haben, den Propheten Elia im Traume gesehen und von chm bittere Vorwürfe und Drohungen gegen die im Rabbinismus Verharrenden vernommen zu haben. Anan und die Seinigen befolgten genau den Rath des Abu-Hanifa, wobei ersterer noch sehr geschickt die Verwandtschaft seines neuen Glaubens mit dem Islam hervorzukehren wußte, indem nach ihm die Bestimmung der Feiertage nicht auf Kalenderberechnung, wie bei den rabbinischen Juden, sondern auf der Beobachtung des Neumondes wie bei den Mohammedanern, beruhe. Bei dieser Gelegenheit hat Anan wohl auch seine Hochachtung vor der Person des Stifters des Islam und die Berechtigung desselben als Propheten des arabischen Volkes (wie die arabischen Schriftsteller im Namen Anans berichten) betheuert, wobei er den Fußtapfen des Abu-Jsi, der ebenfalls nach diesem Mittel als captatio benevolentiae gegriffen hat, gefolgt war. Es ist also nichts Unglaubliches in den karäischen Nachrichten, daß die Befteiung Anans mit einer Art Triumph zu Stande kam, und daß der Chalif von nun an ihm seine Protektion und Gnade gewährte. Somit hatte sich der Rath des er-