Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Anan, der Stifter der karäischen Secte
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
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110 — indem er lehrte, daß in den Gesetzesfällen, welche in den erwähnten drei Rechtsquellen nicht vorausgesehen sind, es dem Religionslehrer und dem Richter anheim gestellt wird, durch seine spekulative Ansicht, nach - Analogie (Lias) mit den in jenen Quellen enthaltenen Fällen, seine Entscheidung zu treffen. Natürlicherweise konnte eine solche tiefeingreifende Neuerung nicht ohne harte Kämpfe mit den anderen theologisch-konservativen Schulen durchdringen; dieselbe hat aber doch, wenn auch mit manchen Modifikationen am Ende bei den sunnitischen Völkern die Oberhand gewonnen, so ist z. B. in der Türkei der Hanefismus noch bis jetzt herrschend. — Diesem wichtigen Manne, dessen Biographien und Lobschriften zu seiner Ehre sowie die Werke zur Erklärung und Entwicklung, Bekämpfung und Vertheidigung seiner Lehre eine weitläufige Litteratur bilden, hatte das Unglück gehabt, den Zorn des Chalifen Almansor (754—775 n. Ehr.) auf sich zu laden. Ueber die Ursache dieses Zorns sind die Angaben der arabischen Berichterstatter verschieden. Nach einigen soll der Chalif dem Abu-Hanifa die Kadi-Stelle in der Residenz angeboten und letzterer soll die Annahme verweigert haben, nach anderen soll Abu- Hanifa's politischer Antagonismus gegen dieAbassiden-Dynastie daran Schuld gewesen sein. Wie dem nun auch sei, Abu- Hanifa wurde als 70jähriger Greis im Jahre 767 in den Kerker geworfen, wo er noch im selben Jahre seinen (nach einigen Berichten gewaltsamen) Tod fand, bei welcher Gelegenheit er den talmudischen Spruch: „Der Gefangene kann sich selbst aus dem Kerker nicht befreien", aufls glänzendste rechtfertigte, denn seinen Leidensbruder im Gefängnisse, den An an, verhalf er zur Befreiung durch einen sehr gelungenen Rath, der die feinste Kenntniß des damals in den regierenden Kreisen herrschenden Geistes verräth. Außerdem hat auch dieser mohammedanische Gelehrte auf Anan, bei seinernachherigen informatorischen Thätigkeit einen nicht unwesentlichen Einfluß ausgeübt. Der von Abu Hanifa dem Anan ertheilte Rath bestand (nach einem Berichte, der höchst wahrscheinlich dem Saadia Gaon gehört) in folgendem: Anan möchte die zweifelhaften und zweideutigen Gesetze der Thora in dem ' Sinne erklären, der der rabbinischen Auffassung jener Gesetze