Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Anan, der Stifter der karäischen Secte
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111589--0486-3111746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 109 — jüngerer Bruder wurde ihm vorgezogen und vom Chalifen in der Würde des Exilsfürsten bestätigt (766 oder 767). Natürlicherweise fühlte sich Anan von der Bevorzugung seines jüngeren und kenntnißärmeren Bruders tief verletzt, und bei feinem hochmüthigen Wesen war.es ihm unmöglich, sich seinem Schicksale Zu ergeben und die Würde des Bruders anzuerkennen. Auch wurde er von mehreren Anhängern, die wohl auch feiner Geistesrichtung huldigten, aufgemuntert. Widerstand zu leisten. Die Folge davon war, daß Anan sich heimlich (aus Furcht vor der Regierung) von seinen Parteigängern zum Gegen-Exilarchen wählen ließ. Ein solches Auflehnen gegen die allerhöchste Verordnung, gegen die gesetzliche Bestätigung des Chalifen, kann keine monarchische Regierung dulden; umsoweniger kann dieselbe eine Widersetzlichkeit von Seiten eines Dsimmi (Bekenner einer blos tolerirten Religion, Juden und Christen) in einem mohammedanischen Staate auf sich beruhen lassen. Für solch ein Vergehen drohte ohne weiteres die Todesstrafe. Als daher die geheime Wahl Anans ruchbar geworden war, wurde der Anti-Exilarch an einem Sonntag des Jahres 767 in den Kerker gesteckt, um am nächsten Freitag durch Henkershand getödtet zu werden. Zum Glück für Anan traf er im Kerker einen Leidensgenossen, den Stifter der großen theologischen Schule der Hanefiten (deren Ritus noch jetzt in der Türkei herrschend ist), der zwar sich selbst schon nicht mehr retten konnte, aber dem Exilarchat- Prätendenten doch das Leben rettete. Auch hinsichtlich der Entwicklung feiner nachherigen theologischen Doktrinen hatte Anan sehr viel diesem Manne zu verdanken. Es wird demnach hier am Platze sein, einiges über Abu-Hanifa beizubringen. Alnoman ibn Thabit, bekannter unter dem Beinamen Abu Hanifa, der Begründer der nach ihm benannten theologischen Schule der Hanefiten, zeichnete sich in der mohammedanischen Theologie dadurch aus, daß er das Rai, die spekulative individuelle Ansicht, in der Theologie und der Jurisprudenz zu Ehren brachte. Bis zu seiner Zeit nämlich waren nur der Koran, die Sunna und die Uebereinstimmung allerMoslemen, als Gesetzesquelle betrachtet. Abu- Hanifa fügte die Spekulation als viertes Rechtsprinzig hinzu.