Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Hochschulen in Palästina und Babylon
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 21)
- Language
- German
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— 103 und im Innern vollendet galt er erst um das Jahr 589, denn bis dahin reicht die Thätigkeit der SaborLer, welche den allmählig dunkel gewordenen Talmud-Text durch knappe Bemerkungen und Ergänzungen durchsichtig machten. Der babyl. Talmud ist das Werk fast voller 4 Jahrhunderte, während der jerusalemische seinen Hauptbestandteilen nach als das Produet einer kaum 13Ojährigen Thätigkeit der Amoräer gelten muß. Das hat man sich vor Augen zu halten, wenn es gilt, die beiden Talmude als Schöpfungen der amoräischen Hochschulen in Palästina und Babylon nach Gebühr, in voller Gerechtigkeit zu beurtheilen. Es haben eben auch Schriftwerke ihre Schicksale' und daß dem babyl. Talmud ein weit besseres Geschick beschieden war, zeigt sich nicht blos an der von den Saboräern ihm zu Theil gewordenen sorgfältigen Pflege, sondern auch weitmehr an der ganzen Thätigkeit des fünfthalb Jahrhunderte umfassenden gaonäischen Zeitalters. Denn, um es in aller Kürze zu sagen, zum Gemeingut des über die ganze Erde zerstreuten jüdischen Volkes haben den Talmud einzig und allein die Gaonen gemacht. Die zwei gaonäischen Hochschulen, von welchen die bedeutendere in Pumbeditha, die zweite kurze Zeit in Firuz-Schabur und dann in Sura ihren Sitz hatte, und in welchen von 589 bis 1038 im Ganzen 88 Gaonen fungirten, haben Babylon zu der Bedeutung emporgehoben, welche Judäa einst für die ganze Judenheit gehabt. Nach und nach wendeten sich auch die entlegensten Gemeinden mit ihren Fragen an die Hochschulen, und mit ihren Antworten, die anfangs bloß Auszüge aus dem Talmud, später Erklärungen zum Talmud und schließlich Entscheidungen auf Grund des Talmuds enthalten, haben die Gaonen am wirksamsten seine Verbreitung gefördert. Wir besitzen zwar trotz der verschiedenen Responsen-Sammlungen und trotz der neuen Funde noch immer blos einen Bruchtheil der gaonäischen Litteratur, aber auch dieser berechtigt zu der Behauptung, daß ohne die Gaonen der Talmud den Juden Europa's ein verschlossenes Buch geblieben wäre. Selbst Rasches Commentar zum Talmud ist ohne die gaonäischen Leistungen nicht denkbar. Doch auch ihre Responsen an und für sich sind hochbedeutsam; nicht etwa deshalb allein, weil mit ihnen