Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Hochschulen in Palästina und Babylon
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 herein schöpferisch ausgetreten ist. Freilich wenn man unter Halachah nichts Anderes versteht, als was gang und gäbe ist, dann allerdings kommt man zu einem Gewohnheitsrecht. Wenn man aber, was jeder mit dem Geist des Talmuds Vertraute zugeben muß, die Halachah vor Allem als die unter den veränderten Zeitverhältnissen unerläßliche Weiterentwicklung des mosaischen Rechtes auffaßt, dann kommt man ohne gesetzgebenden Körper nicht aus. Die Sopherim erweitern, wohl von der Zeit gedrängt, aus eigener Machtvollkommenheit die Gesetze des Pentateuch; diese Thatsache beweist zuverlässiger als es tausend Belegstellen aus Josephus vermöchten, daß die Sopherim nicht Privatgelehrte, sondern Mitglieder einer gesetzgebenden Körperschaft gewesen sind. Der Ausspruch: „Seid bedächtig beim Urtheilsspruch, stellet viele Schüler aus und machet einen Zaun um die Thorah", dieser Ausspruch, mag er von wem immer herrühren, ist sehr alt, und man darf es nicht übersehendaß diese Mahnung sich nicht an Einzelne, sondern an eine Behörde richtet, weil man doch unmöglich Einzelpersonen die Erweiterung bestehender Gesetze überlassen kann. Wir haben uns demnach ein Tribunal zu denken, das Recht sprach, Gesetze schuf und, was übrigens schon Esra 7, 25b hervorgehoben wird, aus die Ausbildung gesetzeskundiger Jünger bedacht war. Oder mit andern Worten: die oberste Behörde in Jerusalem, gleichviel welchen. Namen sie geführt, war Gerichtshof, gesetzgebender Körper und akademischer Senat. Die Zusammensetzung dieser Behörde mag im Lauf der Zeit Wandlungen durchgemacht haben, ihre dreifache Aufgabe blieb bis hinab auf die herodianische Zeit dieselbe. Unsere talmudischen Berichte hierüber sind die denkbar zuverlässigsten, und wenn auch in neuerer Zeit zwischen diesen Quellen einerseits und den Berichten des Josephus und der Evangelien andererseits Widersprüche aufgedeckt worden sind, so erweisen sich dieselben doch als scheinbare*). *) Nach den talmudischen Quellen war ein Schriftgelehrter, nach Josephus und den Evangelien der jeweilige Hohepriester der Präsident des obersten Gerichtshofes. Nach den talmud. Quellen tagte das große Synhedrion in der Quaderhalle des Tempels, nach Josephus, bell. jud. V. 4, 2. gab es ein besonderes Rathhaus neben der ersten Stadtmauer. Das sind durchaus keine unlösbare Widersprüche. Was zu-