Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die Hochschulen in Palästina und Babylon
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 6)
- Language
- German
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88 studium die einzige Aufgabe aller jüdischen Hochschulen, und noch immer führt der von der Wissenschaft gebahnte Weg in die Tiefe; doch zur Zeit des ersten jüdischen Staatslebens gab es für dieses Studium keinen Raum, weil, solange das Volk immer wieder von neuem in den Götzendienst zurückfiel, die Moses - Lehre nicht zum Erbe der Gemeinde Jakob's gemacht werden konnte. Erst das babylonische Exil hat Israel von dem Hang zur Vielgötterei gänzlich geheilt, und deshalb beginnt erst mit der nachexilischen Zeit oder genauer erst mit Esra, dem Schristgelehrten, die wahre und eigentliche Gottesherrschaft in Israel, insofern dieser Esra „sein Herz darauf gerichtet, die Gotteslehre zu erforschen und auszuüben und zu lehren in Israel Gesetz und Recht" (7, 10), insofern er diese Gotteslehre tatsächlich zum Volksbuch gemacht hat. - Das charakteristische Merkmal der vorexilischen Zeit ist das Nichtvorhandensein sowohl der Volksals auch der Hochschule, das der nachexilischen die Präexistenz der Hochschule vor der Volksschule. Mit Esra beginnt eine Epoche, die nach seiner auf die Erforschung der Thorah abzielenden Thätigkeit die sopherische genannt wird. Ob die ersten Schriftgelehrten sämmtlich oder nur theilweise Priester waren, ist ganz irrelevant; ihre Wirksamkeit beschränkte sich ja nicht auf die opfergesetzlichen, sondern erstreckte sich auf alle Theile der Gotteslehre, und ihr Streben war ja vornehmlich darauf gerichtet, das religiöse Wissen in immer weitere Volkskreise hineinzutragen. Dieses Streben fteilich konnte nicht ganz gelingen; denn gerade dadurch, daß der Gelehrtenkreis sich immer mehr erweiterte, vermochte die allgemeine Volksbildung mit der Schriftgelehrsamkeit keinen Schritt zu halten, und zwar umsoweniger, als das Familienhaus den wesentlich erhöhten Forderungen des Unterrichts zu entsprechen außer Stande war. So bildete sich ein bisher völlig ungekannter Gegensatz nicht zwischen Priestern und Laien, sondern zwischen Gelehrten und Unwissenden heraus, ein Gegensatz, aus dem später die traurigen Parteiverhältnisse hervorgegangen sind. Die eigentliche Gelehrsamkeit diente nicht zur Belehrung des Volkes. Die Thorah konnte nicht mehr ihrem ganzen Umfang nach dem Volke ausgelegt werden; der Volksbelehrung dienten von nun an blos die historischen Stücke; für das Volk hatte